Die Sonntage

Vorletzter Sonntag nach Trinitatis | Recht oder Barmherzigkeit

Wochenspruch des vorletzten Sonntages nach Trinitatis

Wir müssen alle offenbar werden
vor dem Richterstuhl Christi.

 

Kyrie 

 

Gott, unser Vater;
du sendest deinen Sohn,
füllst uns mit der Kraft deines Heiligen Geistes;

Herr wir rufen dich an:  Kyrie eleison

Wunderbar hast du alles erschaffen,
im Christus alles erneuert,
wirst alles vollenden durch das Wehen deines Heiligen Geistes

Herr wir rufen dich an:  Kyrie eleison

Den Suchenden zeigst du den Weg des Glaubens,
den Verzweifelten schenkst du Hoffnung,
wandelst uns durch deine Liebe.

Herr wir beten dich an:  Kyrie eleison.

 

Evangelium bei Matthäus im 25. Kapitel

 

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlich­keit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versam­melt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet,  und wird die Schafe zu seiner Rech­ten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufge­nom­men. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?  Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.  Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet
ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Frem­der gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerech­ten in das ewige Leben.

 

Text und Predigt

Lukas, im 16. Kapitel

 

Jesus sprach zu den Jüngern:

Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechen­schaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser auf­nehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.

Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts.

 

Predigt

Das ist ein unbequemer Gedanke, dass wir Rechenschaft geben müssen. Bei der Arbeit wissen wir es: Ich muss mich verant­worten für das, was ich tue.

Es gibt nur noch wenige Berufe, wo die Qualität der Arbeit egal ist. Eben noch dachte ich, ich hätte einen solchen Beruf gewählt wo es genügt, „keine silbernen Löffel zu stehlen“ und ich komme unange­fochten und unhinterfragt durch bis zur Rente.

Und plötzlich, unerwartet, ungewohnt: ich muss Rechenschaft ablegen, über das, was ich tue und über die Qualität meiner Arbeit …

Dass es im Berufsleben so ist, dass es in der Politik so ist, daran haben wir uns gewöhnt. Dass es bei Gott so sein soll kommt uns merk­wür­dig, ja anstößig vor. Soll hier wieder Angst gemacht werden? Soll aus dem Gott der Liebe wieder ein Richtergott werden?

Ich denke, nein.

Dennoch: Der Gedanke des Jüngsten Gerichtes, der Gedanke, dass wir Gott Rechenschaft schulden, ist in allen Religionen fest ver­wurzelt.

Auch im Neuen Testament finden wir nicht wenige Stellen, in denen uns angekündigt wird, dass am Ende zwischen Gut und Böse scharf unterschieden wird. Weizen wird von Spreu getrennt … und die Spreu wird „verbrannt“.

Aber es finden sich auch Worte und Geschichten, die diese  Wahr­heiten in merkwürdiger Weise brechen ohne sie aufzuheben.

Unser Predigttext ist so eine.

Es fängt erstmal ganz nachvollziehbar an: Da kriegt einer eine Ab­mah­nung wegen schlampiger Wirt­schaft. Er hört, dass seine Entlas­sung unmittelbar bevor steht und denkt sich, solange ich noch das Dienst­siegel in der Hand habe und Unterschriften leisten kann, will ich großzügig sein.

Und wieder unerwartet:
Wir erfahren, er tut es nicht aus bloßer Menschenfreundlichkeit, sondern auch aus Berech­nung. Die Geschichten der Bibel sind nicht schwarz / weiss. Da er damit rechnet, bald arbeitslos zu sein, will er sich Freunde machen, die ihm dann hoffentlich helfen werden. Er weiß, „ich tauge nicht als Bauer und ich will nicht betteln“. Also
zeigt er sich in den letzten Tagen seines Amtes groß­zügig.

Und jetzt wieder unerwartet – die Bibel mutet uns viel zu – sein Chef lobt dieses Verhalten. Keine Rede mehr von Entlassung. Mit solidem deutschen Beamtentum ist weder das Verhalten des Verwalters noch das des reichen Mannes zu rechtfer­ti­gen.

Ich verstehe diese erstaunliche Geschichte so:
ja wir werden Rechenschaft ablegen über die Erfüllung un­serer Pflich­ten, über die Qualität unserer Arbeit. Das alles ist nicht egal. Ja, das Gericht über Gut und Böse wird erfolgen und das ist kein Spaß …

aber egal, wie wir bei dieser Betriebsprüfung abschneiden, unser Ver­hältnis zu Gott, der uns in seinen Dienst genommen hat und beauf­tragt, wird sich am Ende doch an etwas ande­rem entscheiden.

Unser Leben gelingt oder unser Leben scheitert an der Frage, ob wir bereit sind, uns einer anderen Logik, die von Gott kommt zu über­lassen. Durch den Umgang mit Christus will Gott uns umprägen und verändern. „Barmherzigkeit nicht Recht“ widerfährt z.B. dem verlorenen Sohn bei seiner Heimkehr.

Ja, da ist die Forderung nach Erfüllung der Pflicht, nach Erledigung unseres Dienstobliegenheiten, nach Qualität bei dem, was wir tun. Diese Forderungen gelten, nicht nur bei unserm Chef, sondern auch bei Gott. Ich denke da an den Reichtum unserer Kirchen. Ich denke
an Gebäude, Personal und Möglichkeiten und sehe all das dritt­klas­sige Gewurschtel, die Verschleuderung von Kraft, Zeit und Geld in Kirche und Gemeinden. Ein Abgrund von Misswirt­schaft!

Ich bin froh, dass das bei Gott „nicht egal“ ist, aber genauso froh
bin ich, dass Barmherzigkeit über Recht steht, Großzü­gig­keit über Korrektheit.

Wie der schlechte Verwalter, verdienen auch wir zur Rede gestellt zu werden. Als der Verwalter mit seiner Entlassung rechnete, hätte er noch schnell die Gelegenheit nutzen können, etwas für sich beiseite zu schaffen. Er hatte ja noch Prokura. Aber er vollzog das Gegenteil von Korruption, verteilte Geschenke, indem er das Recht zugunsten der Menschen interpretierte. Theologisch gesprochen: Er stellte um von Gesetz auf Gnade, von Recht auf Barmherzigkeit. Eine andere Logik, ein anderes Betriebssystem.

Es ist Tradition in Kirche, „flexibel“ mit Recht und Ordnung umzu­gehen. Vieles steht nur „geschrieben“. Papier ist ge­duldig, auch das Papier einer an sich guten Kirchen­ordnung.

Auch wenn Gottes Liebe die zentrale Erfahrung meines Glaubens ist, ich rechne mit einem strengen Gericht über die sinnlose Verschwen­dung von Zeit, Kraft und Möglichkeiten. Ich möchte Willkür, Schlam­perei und Chaos meiden, auch den wohlgeordneten Unsinn überflüssiger Sitzungen, bei denen schon vorher klar ist: hier wird nichts geklärt und nichts entschieden, aber viel Zeit und Geld ver­schleudert.

Für die Diener des Staates und der Kirche gilt zuallererst, dass wir
den anvertrauten Reichtum für die Menschen einsetzen und ihn nicht sinnlos verschleudern. Wenn wir das tun, dann verlangt Gottes Güte nicht, dass wir vollkommen selbstlos handeln, wir dürfen, wie der Verwalter, auch unsere eigenen Interessen im Auge behalten.

Ich möchte glauben und spüren, dass Gottes Güte und Segen mich begleitet, wenn ich meine Arbeit tue, das Recht achte, es aber so aus­lege, dass Menschen die Barmherzigkeit und Liebe Gottes erfahren.

Amen.

 

Psalm

 

Lobe den Herrn meine Seele *
und was in mir ist seinen heiligen Namen.

Lobe den Herrn meine Seele *
und vergiss nicht was er dir Gutes getan,

der dir all deine Sünde vergibt *
und heilt all deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst *
der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit,

der deinen Mund fröhlich macht *
und du wirst wieder jung wie ein Adler.

Barmherzig und gnädig ist er Herr *
geduldig und von großer Güte.

Ehre sei dem Vater und dem Sohn *
und dem Heiligen Geist.

Wie es war im Anfang, jetzt und allezeit *
und in Ewigkeit.
Amen

Text u. Audio:  Pfr. Ralf-Dieter Gregorius

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