Die Sonntage

Predigt zu Jeremia, von Pfr. Axel Mersmann

„Nur mal so angenommen …“

 

Nur mal so angenommen: Sie, Ihr, oder ich gingen an einem durchaus sonnigen Augustsonntag zur Kirche.

Coronazeiten zwar und Donald Trump – aber sonst: Schön ist die Welt.

Die Kirche übrigens auch. Baustil egal, aber einladend.

Gesang noch nicht, doch der Organist gibt sein Bestes.

Und nun: Die Predigt.

Ein Neuer.

Und der legt los, und zwar so richtig.

Er lässt von vornherein keinen Zweifel:

Hier ist bald Schluss.

Schluss zumindest mit unserem üblichen Gewese und Getue.

Corona: SEIN Zeichen dafür.

Zeichen des HERRN.

Und er? Der Prediger dort oben?

Er weiß, wer er ist:

Prophet des Höchsten.

Ohne Abstriche und Selbstzweifel.

Berufen, nicht ernannt, mit klarer Ansage:

„Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

Kein Zweifel: Der der da oben meint, was er sagt, ist gleichsam fleischgewordenes Selbstbewusstsein.

Fernab von jedem Skrupel donnert er munter fort.

Und wir?

Ich meine: Ihr, Sie und ich?

Hören wir höflich zu?

Schalten wir innerlich ab, wie sonst auch schon einmal, wenn die Predigt wie eine sanfte Brise an uns vorüber weht?

Oder sind wir ergriffen?

Gepackt, geschüttelt, nicht bloß gerührt von solch selbstgewisser Weltuntergangsmalerei?

Sagt Jener dort oben womöglich das, was wir hier unten manchmal auch klammheimlich so denken, befürchten, vermuten?

Kann Jener Recht haben?

Warum nicht?

Er sagt ja nicht: „Die Welt geht unter.“ Da sei Gott vor!

Nein! Nur das, was wir daraus gemacht haben: Das Gebäude unserer Variante vom menschlichen Miteinander.

Aber Jener wird ja neu bauen und pflanzen.

Spätestens jetzt wird womöglich doch Protest laut trotz aller Höflichkeit, aller Bereitschaft, Sonntag für Sonntag eine Viertelstunde Lebenszeit für den Monolog eines anderen zu opfern:

„Das mag ja alles so kommen, aber: Das kann doch nicht sein, dass da Einer daherkommt, von Gott gesandt gar, und alles weiß und alles darf und …“

Moment mal! Wieso nicht?

„Und des Herrn Wort geschah zu mir: ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und ich sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.“

Ja tatsächlich: So steht`s geschrieben im Buche des Propheten Jeremia, dort gleich am Anfang: Kapitel 1, die Verse 4 und 5.

Lange her zugegeben. Doch mal ehrlich: War die Welt wirklich eine andere damals?

War sie weniger Baustelle des Reiches Gottes als heute?

Musste mehr umgebaut, womöglich abgerissen und neu aufgebaut werden als heute?

Brauchte es damals mehr und eher Männer und Frauen, Sonderlinge von Gottes Gnaden, die ihren Zeitgenossen ins oft genug gar nicht so gute Gewissen predigten?

Wer weiß . . .

Eines wissen wir auf jeden Fall – leider womöglich:

Nirgends steht geschrieben, dass da keiner mehr kommen kann, geschweige denn muss, um uns ziemlich heftig die Meinung Gottes zu sagen.

Mit Jesus Christus hat Gottes Wort keineswegs Kreide gefressen oder sich in freiwilliger Selbstbeschränkung auf einen dauerhaften Kuschelkurs festgelegt.

„Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum machet zu Jüngern alle Völker . . .“

Der Auftrag steht und: einfach umzusetzen ist er nicht. Damals wie heute.

Man eckt an mit der Botschaft des gekreuzigten Christus.

Wie Er damals auch.

Gerade dann, wenn es gilt, „prophetisch“ zu reden, auszusprechen, was denn Gottes Wille für und mit dieser Welt ist, auch auf die Gefahr hin, dabei den einen oder anderen unsanft aus der sonntäglichen Gemütsruhe zu reißen.

Das kann durch aus sein. Muss vielleicht sogar.

Aber: Niemals aus eigenem Antrieb, selbst wenn dem eine tiefschürfende Analyse unserer verwickelten Gegenwart vorangegangen sein mag.

Nicht jeder Kanzeldonner ist automatisch ein reinigendes Gewitter.

Im Gegenteil: Oft ist er nur Radau, sonntägliche Ruhestörung durch Leute, die unter der Woche zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Warum?

„Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“

Paulus, nach eigener aussage bereits im Mutterleibe ausgesonderter Apostel Jesu Christi, an die Großstadtgemeinde zu Korinth.

Worte der heiligen Schrift.

Propheten können temperamentvoll und überdeutlich sein.

Müssen vielleicht sogar.

Prophetie ist aber kein Spielfeld für frustrierte Sanguiniker gleich welcher Konfession.

Propheten werden berufen. Immer. Und immer von Gott.

Aber wer kann wissen, ob dem denn so ist?

Wir.

Wir als Gemeinde Jesu Christi im Gebet mit der Bitte um den heiligen Geist.

Wir, die wir dann die Gabe der Unterscheidung haben zwischen Gottes Machtwort und bloßem Getöse:

„Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! … Wer … prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. … Wie ist es denn nun, liebe Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung … Lasst es alles geschehen zur Erbauung! … Von den Propheten lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst darüber urteilen. … Ihr könnt alle prophetisch reden, doch einer nach dem anderen, damit alle lernen und alle ermahnt werden. Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan. Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“

Mahnung und Trost zugleich, gespendet von Paulus damals an die in Korinth.

Mahnung und Trost auch für uns?

Bestimmt!

Amen!

 

Pfr. Axel Mersmann, 08/2020

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