Die Sonntage

Predigt über Lukas 10,17-20 gehalten am Michaelsfest 2020

der Konvente Norddeutschland und Schweiz in Delsberg/CH am 4. Oktober 2020

 

17 Die Zweiundsiebzig aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen.

18 Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz.

19 Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden.

20 Doch darüber freut euch nicht, daß euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind.

 

Liebe Brüder, liebe Gäste

Ich kann nicht anders, aber beim Lesen und Hören dieses Abschnittes kommen mir gewisse amerikanische Freikirchen in den Sinn. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie in ihren Gottesdiensten giftige Schlangen berühren, weil sie der Überzeugung sind, dass Gott sie vor deren Gift beschützt, unter anderem auf Grundlage des heutigen Evangeliums. Unfälle mit Todesfolge oder schweren Verletzungen kommen mit einer gewissen Regelmässigkeit vor. Offensichtlich ist es doch nicht ganz so einfach mit dem Treten auf Schlangen und Skorpione.

Wohl das grösste Missverständnis dieser Freikirchen besteht darin, dass sie nicht sehen können, dass Schlangen und Skorpione hier im übertragenen und symbolischen Sinn gemeint sind, als Zeichen für die dämonischen Mächte, die Jesus besiegt sieht. Es geht nicht um Schlangen. Es geht um das Böse. Und dieses Böse wird im Text von verschiedenen Wesen repräsentiert: Von Schlangen und Skorpionen, von den Dämonen und als Wichtigstem: vom Satan selbst. «Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz,» sagt Jesus zu den Jüngern. Jesus kennt wohl seinen Hiob. Doch die theologischen Zeiten haben sich geändert. Der Satan ist im Hofstaat des HERRN nicht mehr erwünscht. Das neue Motto lautet: «Zur Hölle mit dem Teufel.». Der Himmel und das Böse, das sind verschiedene, geschiedene Welten. Und unser Bruderschaftspatron, der Erzengel Michael, steht unter anderem genau für diese Trennung. Mit dem Schwert in der Hand steht er am Eingang zum alttestamentlichen Paradies. Mit der Waage in der Hand wirkt er mit im letzten Gericht. Als himmlischer Heerführer kämpft er den letzten grossen und endgültigen Kampf gegen das Böse.

Das Gute, Göttliche im Himmel; das Böse, Teuflische gefallen. Und irgendwo dazwischen sind wir Menschen solange wir in dieser Welt leben. Zumindest, wenn wir fromm sind, sind wir eifrig bestrebt und bemüht, mit dem Himmel in Kontakt zu sein. Und doch ist die Versuchung, das Böse, nie weit. Nur ein Kapitel vor unserer Geschichte erzählt der Evangelist Lukas, wie die Jünger Jesu trotz aller göttlichen Vollmacht, die sie von Jesus erhalten haben, bei der Austreibung eines Geistes kläglich scheitern. «O du ungläubige und verkehrte Generation!» lautet die frustrierte Reaktion Jesu über dieses Unvermögen. Ob sie wirklich nur die Jünger damals betrifft? Wer gegen das Böse kämpfen will, sollte immer beide Geschichten im Blick haben. Die Geschichte des Scheiterns bei diesem Kampf und die Geschichte, die von den gelegentlichen Erfolgen von Menschen durch die Vollmacht des Himmels erzählt.

Wir sehen es täglich, wenn wir den Blick in die weite Welt richten oder auch auf uns selber und unser Inneres: das Böse mag gefallen sein, ohnmächtig ist es noch lange nicht. Und wenn man meint, es an einer Ecke der Welt etwas eingedämmt zu haben, zeigt es sich in zwei anderen umso verheerender. Während man der einen Versuchung widerstanden hat, ist man zwei anderen erlegen. Man könnte darüber verzweifeln. Der Kampf ist in dieser Welt nicht zu gewinnen. Doch die Vision Jesu zeigt etwas Entscheidendes. Die Macht des Bösen ist gebrochen. Es agiert und agitiert nicht mehr auf Augenhöhe mit dem Himmel, wie das bei Hiob noch der Fall scheint. Wer auf den Himmel setzt, ist auf der sicheren Seite. Oder – wie es Jesus ausdrückt: «Freut euch nicht, darüber, dass euch die Geister gehorchen, sondern freut euch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind.»

Das ist es, woraus wir leben: Die feste und begründete Hoffnung, dass uns nichts und niemand mehr aus Gottes Hand reissen kann. Weder Geister noch Dämonen, ja nicht einmal unsere eigenen inneren Abgründe. Diese auszuhalten hat Gott in seiner Güte und Liebe auf sich genommen. Die Schreie Jesu am Kreuz verkünden uns dies immer wieder neu.

Aber: «Freut euch nicht darüber, dass euch die Geister gehorchen.» Es geht nicht um Prestige. Es geht nicht um unsere «Leistung» im Abwehrkampf gegen das Böse. Diesen Kampf können letztendlich nur die himmlischen Mächte gewinnen, nicht aber wir Menschen. Was wir können, ist im Vertrauen auf Gott in diesem Kampf an unserem bescheidenen Ort unser Bestes geben. Das ist meistens wenig genug, wie auch die Jünger immer wieder schmerzhaft erfahren mussten. Das «Kyrie eleison» ist nicht umsonst fester Bestandteil des Gottesdienstes.

Aber spätestens seit Paulus wissen wir: Wir werden von Gott nicht auf Grund unserer Werke beurteilt, sondern auf Grund unseres Glaubens. Unsere Niederlagen gegen das Böse kosten uns nicht den Kopf und auch nicht die Seligkeit. Unsere Namen sind im Himmel verzeichnet. Das dürfen wir feiern, jeden Tag, ganz besonders jeden Sonntag. Daran dürfen wir uns festhalten, dann wenn uns in der Kirche und im Glauben manches gelingt, aber auch dann, wenn gerade wieder einmal alles ins Bodenlose zu stürzen scheint. Amen.

 

Michael Rahn, Pfarrer

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