Die Sonntage

Predigt über 1. Thess 5,1-10, Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr

1. Thessalonicher 5:
1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken. 8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. 9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus, 10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben. 11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Wir befinden uns hier in einer sehr frühen Phase des Christentums. Der erste Thessalonicherbrief ist die älteste Schrift es Neuen Testamentes. Niedergeschrieben rund um das Jahr 50 nach Christus. Oder etwa 20 nach Ostern. Alle anderen Schriften sind später geschrieben. Die Evangelien gab es in der uns gewohnten Form noch nicht. Und die großen Fragen, die Paulus später bewegt haben, die nach der Rechtfertigung, nach dem Leib Christi, nach dem Verhältnis zu Israel, nach dem Verhältnis von Fleisch und Geist, nach Leben und Tod, die sind noch nicht im Blick. Vieles ist noch nicht zu Ende gedacht, noch nicht entfaltet, noch nicht auf den Begriff gebracht.

Das Christentum befindet sich noch in der Phase des Staunens. Staunen darüber, was da alles passiert. Ohne genau zu wissen, warum. Staunen, was für eine Dynamik das Evangelium mit sich bringt. Staunen, dass es – ja, tatsächlich – auf Glauben stößt. Dass es Menschen dazu bringt, zu glauben. Und dass Heiden, Nichtjuden, zum Glauben finden, das ist eine der größten Überraschungen. Das war gar nicht geplant, nicht einmal von Jesus selbst. Wenn Juden Christen wurden, denen musste man ja nichts von Gott erzählen. Für sie genügte, ihnen von Jesus zu erzählen. Aber wenn Nicht-Juden zu Christus finden sollten, musste man ihnen ja erst einmal den Gott Israels nahebringen. Deswegen konnte man doch eigentlich, so werden die Apostel gedacht haben, nur Juden die Jesusgeschichte erzählen, weil nur sie sie verstehen können. Man musste also, wenn man es nicht schon war, Jude werden, um Jesus zu verstehen. Aber dann kamen die Heiden mit dem Evangelium in Berührung. Und der Funke sprang über. Und wie! Petrus, der erst sehr zögerlich war, ließ es dann zu, dass Nichtjuden Christen werden konnten. Jakobus ist stur geblieben: Auch für Christen gilt die Thora. Auch Christen müssen sich beschneiden lassen. Paulus dagegen wollte nicht nur zulassen, dass Heiden Christen wurden – er wollte das Evangelium systematisch unter die Heiden bringen. Er wollte zu ihnen hin, und gezielt die Heiden ansprechen. Christus ist auch zu ihnen gesandt.

Im ersten Thessalonicherbrief wird sichtbar, dass die Heiden ganz anders angesprochen werden müssen als Juden: Paulus erinnert sich (im ersten Kapitel), „wie ihr euch bekehrt habt zu Gott, weg von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns errettet von dem zukünftigen Zorn.“ Wenn Heiden Christen wurden, dann fanden sie eine Beziehung zum Gott Israels. Sie kehrten sich von den Göttern ab, hin zu dem einen Gott. Sie übernahmen das Glaubensbekenntnis Israels zu dem einen Gott. Sich zu Christus zu bekehren, hieß für sie, sich zum Gott Israels zu bekehren, und zwar ohne Jude zu werden, ohne sich beschneiden zu lassen. Der Gott Israels überschreitet Israels Grenzen Israels und über Jesus knüpft er die Beziehung zu Menschen aus allen Völkern. Und für viele lag genau darin die Faszination: Dieser eine Gott, dieser Gott Israels, der sucht mich, der ruf mich, der erwählt mich, indem er mich dem Wort, indem er mich Christus begegnen lässt. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass wir, die Heiden, die Nichtjuden den Gott Israels nur deswegen als unseren Gott ansehen und anbeten können, weil wir ihn durch Christus haben. Wir finden den Zugang zu Gott, weil Gott durch Christus den Zugang zu uns findet. Das ist das Geheimnis der Christuspredigt: Nicht wir finden Gott, sondern Gott hat uns gefunden! „Wir wissen, dass ihr erwählt seid“ (1,4) , schreibt Paulus, er hat „euch berufen“ (2,12), er hat euch „zur Seligkeit bestimmt“, nicht „zum Zorn“ (5,9). In den Gemeinden des Paulus sammeln sich Menschen, die sich erwählt und berufen fühlen.

Es gab noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Juden und Heiden. Wenn Juden sich zu Christus bekehren, blieben sie Juden. Sie wandten sich nicht von der Thora ab, was ja auch Jesus nicht getan hatte. Sie hielten sich in der Regel weiterhin an jüdische Gepflogenheiten. Wenn ein Heide Christ wurde, nahm er Abschied von allem, woran er sich bisher orientierte. Abschied von Göttern, Werten und Gewohnheiten. Der Bruch war also ungleich schärfer und tiefer. Für sie stellte sich die Frage: Wie sollen wir den jetzt unser Leben führen? Welche Regeln sind für uns verbindlich, worauf müssen wir achten, was ist entscheidend? Diese Fragen beschäftigen nahezu alle Briefe des Neuen Testaments, so auch den ersten Thessalonicherbrief. Und überall wird spürbar: Es geht in dem neuen Leben als Christ nicht um irgendwelche neuen Regeln oder Gesetze. Das ja gerade nicht.

Sondern es geht um die Haltung. Das Leben der Christinnen und Christen ist gekennzeichnet durch die Einübung einer Haltung. So schreibt Paulus hier: „Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. 7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.“

Das christliche Leben ist von der Haltung der Wachheit gekennzeichnet. Ein Motiv, das im Neuen Testament immer wieder aufscheint: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt“ (Mt 26,41). „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!“ (Kol 4,2). „Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ (1Kor 16,13) „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge“ (1Petr 5,8).

Wer etwa in meinem Alter ist, erinnert sich noch an Gerd Müller, dem „Bomber der Nation“, Torschützenkönig, dem Schützen des entscheidenden Tores im WM-Endspiel 1974 gegen die Niederlande. Er ist heute 75, und er selbst erinnert sich nicht mehr daran. Er ist an Alzheimer erkrankt, „umnachtet“, hätte man früher gesagt. Aber damals, als Torschütze war er hellwach, „ausgeschlafen“, wie die Sportreporter zu sagen pflegten. Er ahnte die Flugbahn des Balls im voraus und war im richtigen Augenblick zur Stelle.

Wir Christinnen und Christen sind hellwach und ausgeschlafen. Wir nehmen die Welt um uns herum und auch uns selbst, so wahr, wie sie wirklich ist. Wir machen uns nichts vor. Wir täuschen uns nicht selbst. Wir sehen die Dinge so klar wie sie sind, in ihrer Widersprüchlichkeit, Abgründigkeit, Zerbrechlichkeit und Gefährdung. Wir wissen: Die Geschichte diese Welt und unsere eigene Geschichte kann von einem Moment auf den anderen vorbei sein, in jedem Augenblick. Und eben diese widersprüchliche und zerbrechliche Welt und wir mit unserem abgründigen und gefährdeten Leben – sie ist und wir sind es mit denen Gott in dem Gekreuzigten und Auferstandenen Frieden geschlossen hat, die er mit sich versöhnt hat.

Hellwach und ausgeschlafen zu sein, das war damals von großer Bedeutung und ein Kennzeichen, fast ein Alleinstellungsmerkmal der jungen Christenheit. Aber heute nicht minder! – heute, wo die Populisten in aller Welt ihren Wählern das Angebot machen: Wir bewahren euch vor der Wahrheit. Wir lassen nicht an euch heran, wie ernst es um die Welt und um uns bestellt. Corona, Klimawandel, Terror, die Spaltung der Gesellschaft und der Welt – all das halten wir von euch fern. Und sollte jemand sich unterstehen, euch die Wahrheit zu sagen, dann wehren wir dem mit Gewalt, wir machen ihn zum Sündenbock. Wir sorgen dafür, dass ihr in Ruhe gelassen werden, was euch in Unruhe bringen könnte.

Wir, die Kirche, nehmen die Gegenposition ein. Wir sehen und sagen ganz klar was ist. Das ist unsere Berufung und unser Auftrag. Aber wir können das auch nur, weil wir zugleich auch sehen und sagen: Diese Welt, ihr alle, wir alle – ihr seid es und wir sind es, mit denen Gott Frieden geschlossen hat und die er mit sich versöhnt. Klarheit, Wachheit, schonungslose Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit – und zugleich das Vertrauen und die Gewissheit: Ja, es herrscht schon Friede, und er ist endgültig, und er gilt hier und jetzt. Das gehört beides zusammen. Das kennzeichnet uns. Uns heute, wie damals die Menschen in Thessaloniki. Und zu allen Zeiten.

 

Predigt von Pfr. Stephan Sticherling

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