Die Sonntage

Predigt 2 Tim 1,7-10, 16. Sonntag n. Trinitatis II

1. Ängste greifen das Grundvertrauen ins Leben an.

Unsere Welt ist durchzogen von Gefahren für unser Leben. Das müssen wir leider in besonderer Weise in dieser Pandemie-Zeit spüren. Wir versuchen, unser Leben zu schützen nach unseren Möglichkeiten. Den hauptsächlichen Angriff – ohne ein Krankheitssymptom – beobachte ich jedoch durch gesteigerte Ängste. Das ist die schwierigste Nebenerscheinung, dass in diesen Tagen sich schnell eine Stimmung des Misstrauens breitmachen kann. Nun ist jeder, der mir näherkommt, potentiell ein verdächtiger Krankheitsüberträger! Ich empfinde das als eine fatale Situation, wenn solche Gedankengänge einen ungebremsten Lauf bekommen. Da ist dann alles nur noch Gefahr. Menschliche Nähe, auf die wir im Grunde unseres Wesens ausgerichtet sind, wird nun dauerhaft problematisiert. Das Grundvertrauen ins Leben wird angegriffen durch allgegenwärtige Angst vor einem Virus. Nicht weniger problematisch erscheinen mir Leugnung oder Verschwörungstheorien; ihr Ergebnis ist ein vergleichbares Misstrauen auf anderer Ebene. Da sitzen dann offenbar an der Macht nur noch Böswillige, die ein ganzes Volk manipulieren und ausnutzen wollen …? – Wo bleibt der gesunde Mittelweg? Sicherlich müssen Skepsis und Vorsicht in einem gewissen Maß vorhanden sein, um gefährlichen Situationen zu begegnen. Aber gleich das abgrundtiefe Misstrauen, Angst über alles … ?

Unser heutiges Predigtwort bringt eine geistliche Perspektive in unsere aktuelle Lebenssituation.

2. Timotheusbrief im 1. Kapitel:
7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. 9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, 10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

 

2. Ohne Furcht für die Sache Gottes eintreten

Der Apostel Paulus ist selbst nicht wenigen Gefahren ausgesetzt gewesen. Man hat ihn gefangen genommen aufgrund seines missionarischen Einsatzes für den christlichen Glauben. Damit hat er so manche Machtkonstellation seiner Zeit empfindlich gestört. Ja, wenn man den christlichen Glauben ernst nimmt, dann muss man unter Umständen gewohnte egoistische Verhaltensweisen ändern. Das hat manchen „Platzhirschen“ überhaupt nicht in den Kram gepasst. Wenn jemand darauf besteht, Armen und Benachteiligten mehr Rechte einzuräumen, dann kann man sie eben nicht mehr so ungestört ausbeuten.

Doch mit der Botschaft Gottes gestärkt, hat Paulus sich nicht abschrecken lassen.

„Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht.“ Mutig muss man schon sein, bis heute, wenn man für Gottes Sache eintritt und womöglich auch noch für Rechte von Minderheiten.

Paulus ermutigt noch viel weitgehender, sozusagen bis zur letzten Konsequenz, wenn er von der „Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus“ spricht, „der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium“. Das wäre ja nun das, was jeder fürchten muss: den Tod. Und diesem hat Jesus Christus die Macht genommen. Wer sich soweit auf Jesus Christus einlässt, wer die Verheißung des ewigen Lebens für sich annimmt, den kann man auch mit dem Gedanken des Todes nicht mehr wirklich schrecken. So kann Martin Luther in seinem Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ formulieren: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen. … Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib: Lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.“ Es geht hier weniger um todesmutige Aktionen als vielmehr um das Vertrauen in das Reich Gottes und die Herrschaft Gottes. Es kann eben nicht jede beliebige Macht tun, was sie will. Zum Schluss kommt man am Herrn der Herren, am Schöpfer von Himmel und Erde, nicht vorbei. Auf diesem Hintergrund soll sich mit Gottes Hilfe der Geist „der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ unter uns entfalten. Das sind die Lebensziele, die Gott seiner Schöpfung aufgibt. Voller Kraft, voller Liebe und voller Besonnenheit sollen wir das Leben gestalten und damit Zeiten der Freude erleben.

 

3. Leiden auf sich nehmen und dennoch aus Gnade leben

Es ist nicht zu vermeiden, dass dies trotz allem ein steiniger Weg werden kann. Dafür gibt es zu viele Widerstände in unserer Welt, die ein gutes Leben immer wieder beschweren. Dann muss man dafür auch Leiden auf sich nehmen. In diesen Corona-Zeiten ist unsere Leidensfähigkeit gefragt, liebe Gemeinde, um Einschränkungen durchzustehen. Und dennoch sollten wir uns angesichts der Tatsache, dass Christus dem Tode die Macht genommen hat, nicht ständig vor dem Virus fürchten. Zum einen ist es ja nur in seltenen Fällen eine zum Tode führende Krankheit, wenn man sie denn bekäme. Zum anderen dürfen wir auch hier dem Heiligen Geist ruhig etwas zutrauen an Schutzwirkung für uns, an Abwehrkräften, die er uns schenkt. Schon „vor der Zeit der Welt“ hat Gott in seinem Ratschluss Gnade für uns bereitgestellt. Warum sollte er nicht auch jetzt daran festhalten? Bei allen Vorsichtsmaßnahmen geht es nach der Rede des Paulus eben nicht allein um unsere Werke! Wir können uns bemühen, ja. Doch dann dürfen wir unsere Geschicke Gott anbefehlen. Er schenke uns neue Freude in aller Beschwernis! Das unvergängliche Wesen soll den Weg weisen. – Amen.

 

von Pfarrer Christoph Thiele

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