Predigt zum Sonntag Rogate

Jesus Sirach 35,16-22a

Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde, nach der neuen Perikopenordnung (vom 1. Advent 2018) ist uns heute ein Abschnitt aus den Apokryphen, aus dem Buch Jesus Sirach zur Predigt vorgegeben. Im 35. Kapitel heißt es:

16 Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. 17 Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. 18 Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, 19 und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fliessen lässt? 20 Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. 21 Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt 22 und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.

Selig ist jeder Mensch, der Gottes Wort hört, in seinem Herzen bewahrt und danach handelt.
Amen.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich bin fest davon überzeugt: Kein Gebet geht verloren, niemals beten wir umsonst, jedes unserer Gebete erreicht Gottes Ohr. «Gebet durchbricht die Wolken!» so drückt das Jesus Sirach aus. Und: Jedes Gebet verändert mich, auch wenn ich denke: Dieses Mal hat es aber nicht viel gebracht! Kennt ihr das auch: Ich bete und schütte Gott mein Herz aus – aber es fühlt sich danach noch nicht gut oder leichter an.

Jesus Sirach nimmt uns heute in die Schule des Gebets und gibt uns einige Hinweise zum Gebet.

Wer war Jesus Sirach? Viele Bibelausgaben enthalten die sogenannten Apokryphen oder Spätschriften des Alten Testaments nicht. Luther fand zwar, die Apokryphen seien „nützlich zu lesen“, doch in späteren Bibelausgaben wurden sie weggelassen.

Jesus Sirach war ein Gelehrter, der sich in den Schriften des Alten Testamtes gut auskannte. Er war auch gut vertraut mit der griechischen Philosophie und der ägyptischer Weisheitslehre. Wahrscheinlich war er ein angesehener Lehrer in Jerusalem und schrieb seine Weisheitschrift um das Jahr 190 vor Christus. Jesus Sirach wollte mit seiner Schrift deutlcih machen: Es ist weise und hilfreich für das Leben, die Thora und die alttestamentlichen Weisheitsschriften zu befolgen. Dabei wendet sich sich an die gebildete Oberschicht. Mit seinen Worten will uns Jesus Sirach eine Leiter anbieten: Eine Leiter zwischen Himmel und Erde – und Erde und Himmel. Beim Stammvater Jakob steigen Engel auf dieser Leiter auf und nieder (1. Mose 28,12) – bei Jesus Sirach sind es weisheitliche Gedanken, welche die Sprossen der Leiter bilden.

In unserem Abschnitt beginnt er mit Aussagen über Gottes Barmherzigkeit und Güte:

«Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt.» (Verse 16-17) Symbolisch gesprochen: Gott steigt auf der Leiter vom Himmel herab und zeigt seine Hilfe und Aufmerksamkeit gerade denen, die im Ansehen der Welt ganz unten angesiedelt sind: Arme, Waisen und Witwen.

Das ist zunächst ein großer Trost für die, die selbst arm, unterdrückt und einsam sind: „Gott ist gerade dir nahe!“

Zum anderen ist es auch eine Mahnung an die Gebildeten und besser Gestellten: «Denkt nicht, dass ihr vor Gott besser dasteht, wenn ihr reich und mächtig seid. Gott wendet sich vor allem den Bedürftigen zu. Deshalb macht es ebenso!“

„Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt?“ (Verse 18-19) Jesus Sirach schildert hier die Not einer Witwe: Er lädt uns ein, die Tränen wahrzunehmen, ihre Trauer mitzuerleben, ihre Not und ihr Schreien mitzutragen.

Paulus fordert später die Christen in Rom auf: «Weint mit den Weinenden!» (Römer 15b). Und von Jesus lesen wir, dass er über Jerusalem weinte, als er sich der Stadt näherte (Lukas 19,41).

Der Weg eines weisen, gottgefälligen Menschen führt demnach zunächst nach unten, zu den Menschen, die in ihrer Trauer und Not am Boden sind, ohne Perspektive und ohne Hoffnung.

Dort unten erhält der Mensch, der sich der Weisheit öffnet, die erste Anweisung, die den Weg nach oben öffnet: „Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken.» (Vers 20) Der Dienst am Mitmenschen wird verbunden mit dem Dienst gegenüber Gott. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten gehören untrennbar zusammen.

Jesus Christus sagt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40) Nächstenliebe ohne Gottesliebe wird auf die Dauer unglaublich anstrengend, Gottesliebe ohne Nächstenliebe unglaubwürdig und leer.

Wer ganz unten bei den Ärmsten ist, dessen Gebete steigen auf bis zu den Wolken – bis zu Gott.

Doch Jesus Sirach genügt dies noch nicht: Das Gebet soll die Wolken durchdringen, er will die Sonne sehen, Hoffnung, neues Leben, Gottes Kraft und Licht.

Um diese Stufen zu erklimmen, benötigt der Weise weitere Einsichten: «Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.» (Verse 21-22a)

Demut, Ausdauer und Gerechtigkeit werden hier angesprochen. Das könnte unsere geistliche Übung für die kommende Woche sein, dass wir uns fragen: Sind meine Gebete von Demut, Ausdauer und Gerechtigkeit geprägt?

DEMUT: Habe ich den Eindruck, ich könne und müsse Gott vorschreiben, wie und wann er meine Gebete zu erhören hat oder prägt der Gebetsruf von Jesus im Garten Gethsemane mein Beten: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ Im „Vater unser …“beten wir: „Dein Wille geschehe!“

AUSDAUER: „Er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt.» Wir sind es heute gewohnt, alle unsere Bedürfnisse sehr schnell mit einer online-Bestellung erfüllt zu bekommen. Wie steht es mit unserer Geduld und Ausdauer, unserem Durchhaltewillen und unserer Hartnäckigkeit? Gott mutet uns zu, dass wir unsere Bitten und Gebete beharrlich und immer neu an ihn richten. Unsere Beziehung zu Gott wird mit jedem Gebet vertieft. Wir lernen Geduld und Ausdauer, wenn wir immer wieder mit unserem Gebet zu Gott kommen … .

GERECHTIGKEIT: Gott ist ein gerechter Gott. In unseren Gebeten ist es gut, wenn wir uns fragen: Ist meine Absicht ehrlich und gut? Oder spanne ich Gott einfach vor den Wagen meiner eigenen Intreressen?

Jesus Sirach führt uns zunächst ganz hinunter in die Nöte unserer Mitmenschen und auch in die Dunkelheit unserer eigenen Kämpfe. Dort hören wir Gottes Zusage: Gott hört unser Flehen und sieht unsere Tränen. Wir werden ermutigt, unsere Gebete „zu den Wolken“ aufsteigen zu lassen. Dazu benötigen wir einen langen Atem. Mit der Zeit werden wir demütig, ausdauernd und gerecht. So erleben wir etwas von der Weite und Freiheit von Gottes Neuer Welt, die mit Jesus Christus begonnen hat. Dazu helfe uns der barmherzige und gütige Gott.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

 

Pfarrer Traugott Schuller

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Auf dem YouTube-Kanal unserer Kirchengemeinde kann der Gottesdienst am Sonntag um 10.30 Uhr auch live mitgefeiert werden.

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