Predigt zum Sonntag Kantate

Sonntag Kantate, 2. Mai 2021 Pressbaum

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder (Ps 98)

Ingrid Vogel

 

Cantate Dominum (Singet dem Herrn): Kanon (P.E.Ruppel)

 

„Mutti, hör endlich auf mit der schrecklichen Mausike!“

So soll meine Mutter,

die schon als kleines Kind sehr lärmempfindlich war,

gerufen haben, als ihre Mutter Hugo-Wolf-Lieder sang.

Ein bisserl ähnlich klingt,

was wir von den Pharisäern, hören:

Denn der Gesang, von dem Lukas berichtet,

war sicher kein Wohlklang sondern eher ein Gejohle der Menge

 

Wir hören aus dem Evangelium nach Lukas im 19. Kapitel

Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war,

fing die ganze Menge der Jünger an,

mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme

über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen:

Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!

Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm:

Meister, weise doch deine Jünger zurecht!

Er antwortete und sprach:

Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden,

so werden die Steine schreien.

 

Predigt

 

Ja, mitunter kann Musik wirklich stören,

kann als Lärm abgetan werden oder als Missklang, besonders, wenn der Inhalt jemandem nicht passt,

wenn man ein politisches Lied unterbinden will.

Ein solches politisches Lied

war das Lob der Menge ganz sicher.

Die Jünger feiern den Messias.

Die Jünger feiern den König des Lebens –

auf dem Weg zum Leiden, zum Kreuz.

Die Worte bei Lukas sind eigentlich der Abschluss der Erzählung

vom Einzug Jesu in Jerusalem.

Die Jünger feiern den Kommenden mitten in der Gegenwart.

Das geht den Pharisäern eindeutig zu weit.

„Ruhe – Aufhören – Genug“!

Jesus aber will diesen Jubel nicht unterbrechen.

Darum antwortet er eher flapsig den ewigen Kritikern:

Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. So ganz nach dem Motto:

Ihr werdet schon sehen, wo ihr hinkommt,

wenn ihr denen das Singen verbietet.

 

Die Lieder unserer Bibel und die Lieder der Kirche

waren oft politische Lieder –

Politisch im ursprünglichen Sinn: sie gehen die Polis an,

Die Stadt, den Staatsverband, die Öffentlichkeit, die Politik

 

Ich denke z.B. an das Lied der Maria, das Magnificat, (Lk1)

das eine Fortschreibung des Lieds der Hannah aus dem AT ist:

Umsturz         Umkehr der Ordnung         gesellschaftserneuernd

die Reichen sollen leer ausgehen

die Hungrigen satt werden,

die Niedrigen erhöht und die Mächtigen gestürzt werden

Ein Lied voll politischen Zündstoffs

 

Oder das älteste Stück der Bibel, das Lied der Mirjam:

aus dem 2. Buch Mose

Dabei schlägt Mirjam, die Prophetin und Schwester Aarons und Moses, eine Pauke und tanzt zusammen mit den Frauen.

Es ist ein Freudenlied, ein Siegeslied, ein Kriegslied,

das sie hier laut und mit Nachdruck anstimmt.

Nein: Das Lied der Mirjam achtet nicht auf politische Korrektheit oder auf Form und Anstand.

Es bricht aus der Prophetin heraus:

Gott ist groß! Gott ist mächtig!

Gott hat für uns gekämpft und gesiegt!

 

Auch das Deboralied bei Richter 5, gehört zu den Siegesliedern.

Der Sieg über den Heerführer Sisera wird besungen

 

Besonders beeindruckend sind aber die Lieder der Schwarzen in Amerika, die politischen Lieder der Sklaven,

wir kennen sie, die Spirituals:

auch wenn wir Europäer sie oft nicht so singen können,

mit diesem entrüstet politischen Ton –

aber sie strotzen nur so von Kampf und Revolution.

 

Und im Grund war das protestantische Kirchenlied

immer auch ein Kampflied, ein Trutzlied;

mitunter ein Trostlied nach dem Kampf oder mitten im Kampf,

im politischen, im seelischen, und im Glaubenskampf.

Viele sind im engeren oder weiteren Sinn politische Lieder:

Ein feste Burg – Wehr und Waffen

oder siegessicher manche Lieder von Paul Gerhardt:

der Feind trieb groß Geschrei;

aber Christus ruft Viktoria, und schwingt sein Fähnlein als ein Held, er Feld und Mut behält.

Klar hier geht es um den Ostersieg –

aber voll politisch brisanter Idiome,

und das mitten im 30-jährigen Krieg –

da ist die Sprache nicht von ungefähr so gewählt.

 

Politische Lieder sind unbequem –

auch wenn sie oft so lieblich daherkommen.

Solche Lieder sind aufrüttelnd

und darum will man solche Stimmen

immer wieder zum Schweigen bringen.

Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden,

so werden die Steine schreien.

 

Sicher – die Steine werden schreien.

Ich frag mich: Auch die Steine unserer Kirchen??? –

Ab und an höre ich schon jetzt Schreie in der Coronakrise

manchmal sehr verhalten, heiser, krächzend

und dennoch sehr deutlich.

Manchmal hinausgerufen, protestierend, mahnend –

Es ist der Schrei der Stein geworden ist in den Kirchen

unseres Landes

aber ganz besonders in den Ländern,

in denen Kirchen säkularisiert wurden, umgerüstet auf Turnsäle, Schwimmbäder oder Restaurants –

nein, man kann nicht alles aufgeben,

nicht alle Kirchen ausmerzen,

nicht allen Glauben zunichtemachen –

das ist noch nie gut gegangen!

Man kann nicht alle Kirchen zusperren,

in denen über Jahrhunderte das Lob Gottes gesungen wurde.

Die Steine wehren sich, sie singen und klingen eindringlich, aufmunternd, tröstlich, widerborstig!

Das muss wohl auch Lukas vor Augen gehabt haben.

Steine, Geröll, kein Ohrenschmaus, wenn die herumpurzeln

aber eindrücklich.

Für Martin Luther war das Lied ganz besonders wichtig

Und er konnte auch anders –

zärtlich, tröstend, lobend und dankend:

Als – vielleicht gar nicht so unpolitischer Gesang –

der ganzen Schöpfung:

 

[„Frau Musika spricht“: (Martin Luther)]

319, 1 – 4

 

Ingrid Vogel

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