Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Die Bekehrung des Saulus

Apg. 9, 1-20

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, dass er Anhänger dieses Weges, Männer und Frauen, wenn er sie fände, gefesselt nach Jerusalem führe. 3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. 10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und ihm die Hände auflegte, dass er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. 17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus.
20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

 

Liebe Gemeinde!

Was für eine Geschichte-voller Spannung und Dramatik. Man sieht zu Beginn den Saulus, wie er schnaubt und droht mit Mord gegen die Jünger des Herrn.  Einen Film könnte man daraus machen, eine Art Krimi sogar. Ein blindwütiger, mordlüsterner Extremist wird im letzten Augenblick gehindert, seine Anschläge auszuführen. Und am Ende wird auch noch alles gut! Aber nicht, weil schlaue Ermittler die Pläne aufdeckten, sondern weil himmlische Mächte eingreifen. Das geht dann schon mehr in den Bereich „Phantasy“.

Doch diese Geschichte ist nicht für Menschen geschrieben worden, die sich amüsieren wollen. Sie ist kein Skript aus der Unterhaltungsindustrie.

Rat und Orientierung brauchen ihre ersten Leser. Sie sind in einer unsicheren, gefährlichen Lage. Überall in den Städten des riesigen römischen Reiches haben sich Christen in kleinen, halb geheimen Gemeinden zusammengefunden. In der damaligen Welt gibt es-genau wie heute- alle möglichen religiösen Gemeinschaften. Normalerweise interessiert das die kaiserliche Regierung in Rom nicht weiter. Hauptsache die Leute zahlen ihre Steuern und erweisen dem Kaiser den nötigen Respekt. „Respekt erweisen“ sieht damals so aus: Man muss dem Kaiser als Repräsentanten des römischen Weltreiches von Zeit zu Zeit durch öffentliches Opfer göttliche Ehren zukommen lassen. Ob man persönlich den Kaiser für einen Gott hält-auch das ist letztlich egal und wird nicht weiter nachgeprüft .Aber jede Verweigerung des Opfers gilt als Ablehnung der Staatsgewalt und wird als feindlicher Akt angesehen. Und genau das tun ja die Christen. So wie es im Jakobusbrief heißt: „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran“ (Jak.2,19a) Dazu begehen sie auch noch die Ungeheuerlichkeit, die wahre Herrschaft über die Welt für einen Menschen zu reklamieren, den die Römer als politischen Aufrührer zum schändlichen Tod am Kreuz verurteilt haben. Ständig müssen die Christen also damit rechnen, schikaniert, angezeigt, verfolgt, ja schlimmstenfalls sogar liquidiert zu werden.

Lukas schreibt-ein oder zwei Generationen nach Paulus-seine Apostelgeschichte , als wohl allen Christen noch die schlimmen Nachrichten vom Kaiser Nero vor Augen stehen.  In Trier sah ich  vor einigen Jahren  eine spannende Ausstellung über die Zeit und das Leben des Kaisers Nero . Sie erinnern sich: In Rom war ein fürchterlicher Stadtbrand mit tausenden Toten ausgebrochen. Es kam der Verdacht auf, der bei vielen verhasste Kaiser Nero habe den Brand selbst gelegt,weil er die Stadt nach seinen Ideen neu erbauen wollte. Nach allem, was wir heute wissen, war das wohl nur ein bösartiges Gerücht.  Nero wollte so schnell wie möglich irgendwelche Schuldigen finden und bestrafen. Die Mitglieder der kleinen Christengemeinde in Rom kamen ihm da gerade recht. Diese neue Religion hatte einerseits schnell Anhänger gefunden, stand aber wegen ihres merkwürdigen Glaubens unter Beobachtung. Er ließ also Christen einfangen, an Pfählen aufhängen und zur Belustigung seiner Gäste am Abend als Fackeln verbrennen oder von wilden Tieren zerfleischen. Bei dieser ersten Christenverfolgung fanden  auch Petrus und Paulus den Tod.

Für die Christen kehrt danach wohl eine Zeit der Ruhe ein. Kaiseropfer werden nur gelegentlich verlangt aber niemand weiß, wie lange dies andauern würde. In diese Zeit hinein schreibt Lukas seine Apostelgeschichte.

Das Christ-sein kann jemanden ganz schnell in Gefahr bringen. Da kommen immer von neuem bohrende Fragen auf. Sind wir wirklich auf dem richtigen Weg? Wäre es nicht besser gewesen, die Christen wären bei ihren Anfängen geblieben: Eine besondere Gemeinschaft, aber doch Teil des Volkes Israel? Zwar stehen auch die Juden mit ihrem ersten Gebot „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ quer zum Kaiserkult. Doch irgendwie haben sich Römer und Juden arrangiert. Die jüdische Religion ist staatlich anerkannt, solange sie sich von der Politik fernhält. Im Schutze dieser Religion mit ihrem Sonderrecht hätten auch „Judenchristen“ den Messias Jesus erwarten können. Dann aber kommt Paulus mit der Gemeinde in Antiochia zu der Überzeugung : Die Grenzen des jüdischen Volkes muss man überschreiten, das Evangelium in alle Welt tragen und einen Herrn verkündigen, der keine Grenzen kennt. Keine Grenzen zwischen Römern und Barbaren, zwischen Herren und Sklaven, Männern und Frauen, Starken und Schwachen. Ein Herr, der alle als gleichberechtigte Schwestern und Brüder annimmt und am Ende kommen wird, ein ewiges Reich der Gerechtigkeit und des Friedens aufzurichten.

Vor diesem Hintergrund verfasst Lukas seine Apostelgeschichte. Geschichte, auch Kirchengeschichte, wird von Menschen gemacht. Von Menschen die mit ihren Predigten und Taten andere beeindrucken, überzeugen. Sie gründen Gemeinden, streiten mit Gegnern, verwickeln sich in Konflikte und müssen immer wieder Kompromisse eingehen. Manchmal bleiben sie auch auf der Strecke. Bei Lukas ist das nicht anders. Aber er macht zugleich deutlich: Die Geschichte der Christen wird von Gott gelenkt. Es ist die Geschichte seiner Kirche. An entscheidenden Stellen öffnet er den Horizont menschlichen Handelns und lässt in bildlicher Rede das Eingreifen Gottes direkt vom Himmel oder durch seine Boten, die Engel, sichtbar werden. Damit soll gesagt sein: Gottes Handeln liegt nicht auf der gleichen Ebene wie unser menschliches Handeln. Sein Wirken wird nie unmittelbar fasslich. Gott bleibt immer im Hintergrund, im Verborgenen mit dem, was er tut. Das wissen wir, das wusste Lukas. Er bringt aber einen besonderen Ton hinein in seine Erzählung.

Hauptsächlich geht es in der Apostelgeschichte um die Missionsreisen, die den Apostel Paulus in viele Gegenden im Osten des riesigen römischen Reiches führen. Obwohl geplant: den Westen, das heutige Frankreich und Spanien erreicht  er nicht mehr. Aus den Reisen gehen kleine Gemeinden hervor. Nach ein, zwei Generationen fragen sich die Christen: hat es wirklich Sinn um des Glaubens willen in ständiger Ungewissheit zu leben? Mit der Geschichte von der Bekehrung des Paulus lässt Lukas die verunsicherten Gemeindeglieder auf den Anfang des Wegs blicken, auf dem sie zu Christen geworden sind.

Wollt ihr, so fragt er seine Leser zwischen den Zeilen, wollt ihr sein wie die Begleiter des Christenverfolgers Saulus? „Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da, denn sie hörten zwar die Stimme, aber sie sahen niemanden“ Also: sie merken zwar, das sich mit ihrem Anführer etwas Merkwürdiges abspielt. Doch nichts bekommen sie davon mit, dass der auferstandene Herr selbst ihn überwältigt und in Dienst nimmt. Sie bringen den erblindeten Saulus zwar in die Stadt Damaskus-aber nichts hören wir davon, dass aus ihrem Kreis jemand auch zum Glauben an Christus gekommen wäre! Ich wiederhole die indirekte Frage des Lukas: Wollt ihr  sein wie die Begleiter des Paulus? Wollt ihr stumm und blind  bleiben angesichts der Tatsache, dass ein Todfeind des Gekreuzigten zu seinem Zeugen wird vor aller Welt? Und glaubt ihr, die Gemeinde in Damaskus war sofort begeistert von diesem neuen Christen? Die werden wohl auch versucht haben, sich auf diese Wandlung ihren eigenen Reim zu machen. Von Saulus zum Paulus–Ausdruck einer verqueren Persönlichkeitsstruktur, krankhafte Geltungssucht? Übrigens: Bis auf den heutigen Tag versuchen immer wieder Soziologen, Ärzte oder Psychologen die Bekehrung des Paulus so oder ähnlich zu erklären. Das wäre es dann aber auch gewesen! Paulus hätte keinerlei Wirkung erzielen können, wenn der Auferstandene ihm nicht AUCH die Herzen und den Verstand der Gemeinden in Damaskus und Antiochia geöffnet hätte. Und sie fähig gemacht hätte für die große Grenzüberschreitung in die Völkerwelt hinaus. „Das ihr dorthin gekommen seid, wo ihr euch jetzt befindet, ist der Wille und das Werk dessen, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Darum: Fürchtet euch nicht.“ Kann man den tieferen Sinn des Berichts des Lukas nicht so deuten?

Und mit uns, den Christen im 21. Jahrhundert, verhält es sich nicht anders. Sicher: Wir haben auch mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Blicken wir in die Geschichte der Kirche zurück, sehen wir viel Unerfreuliches, blicken wir auf die Gegenwart, mag uns der Mut manchmal sinken. Die Kirche: oft alt und überholt sieht sie aus. Die Botschaft des Evangeliums verhallt ungehört. Gemeinden schrumpfen.  War das denn „früher“ wirklich besser?

Ich sprach vorhin davon, dass ich  die Stadt Trier besucht habe. Nach der erwähnten Ausstellung bin ich hinüber in den Dom gegangen: Die älteste Kirche Deutschlands! Seit etwa 1700 Jahren wird dort ohne Unterbrechung christlicher Gottesdienst gehalten. Was ist in dieser Zeit nicht alles geschehen? Weltreiche sind zerfallen, Kriege haben das Land verwüstet, Seuchen und Pestilenz. Und immer haben in dieser Kirche Menschen gebetet. Nicht aus eigener Kraft! Dieser uralte Bau ist für mich ein Sinnbild: Jesus sorgt selbst immer wieder dafür, dass Menschen Kraft finden. So wie Paulus.

Er will, dass wir uns einlassen auf eine Welt, die trotz allem zusammengehört. Vordergründig zerrissen durch eine unübersehbare Vielfalt von Interessen, Machtpositionen, gebeutelt von Krieg, Hass und Gewalt. In Christus ist Gott selbst in diese seine, oft so elende, Welt gekommen. Er hat sich all dem ausgesetzt und sucht sich bis heute Dienerinnen und Diener „auserwählte Werkzeuge“ manchmal mit nur ganz kleinen Kräften, damit „ein Licht vom Himmel leuchtet“

UND DER FRIEDE GOTTES DER HÖHER IST ALS ALLE VERNUNFT DER BEWAHRE UNSERE HERZEN UND SINNE IN CHRISTUS JESUS

AMEN

von Prädikant Gerd Ludewig, EMB Rhein. Westf. Konvent

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