Predigt über Jesaja 5,1-7 am Sonntag Reminiszere

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. (Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschafat, Stuttgart)

Als der berühmte Sänger den Saal betrat, ebbten die Gespräche ab. Stille. Endlich. Nur das leichte Rascheln der Fächer konnte man hören, mit denen sich die vornehmen Frauen etwas Abkühlung verschafften. Vielleicht drang noch von den hinteren Reihen ein kurzes Auflachen nach vorne. Hin und wieder. Nicht alle hatten den Auftritt des Gastes bemerkt. Allmählich aber breitete sich eine erwartungsvolle, gespannte Atmosphäre aus. Der junge Sänger war bekannt für seine Liebeslieder. Der trat nun mit seiner Laute vor den Herrscher. Es folgt eine tiefe Verbeugung, ein sogenannter Kratzfuß, wie er vor gekrönten Häuptern üblich war.  Gnädig und gönnerhaft winkte der Fürst. Der Sänger sollte mit seiner Kunst beginnen. Unterhaltung, darauf war man eingestellt. Lieder wollte man hören, Lieder, die von der Liebe handelten und die Herzen berührten. Endlich zupft der Sänger die Laute und begann mit seinem Lied. Was für eine Stimme. Und wirklich. Von der Liebe sang er. Von einer enttäuschten Liebe. Und von einem gebrochenen Herzen. Die Frauen seufzten, die Männer horchten auf. Das hörten sie gern. Aber – was war das? Mit jeder Strophe des Minnesängers schauten die Frauen ängstlicher, wurden die Männer nervöser. Am Ende wagte niemand zu applaudieren oder gar zu lachen. Es war totenstill. Die  Verse hatten alle bis ins Mark erschüttert.  Nicht von Herz und Schmerz handelten sie, sondern von Zügellosigkeit, nicht von Zuwendung sondern von Triebhaftigkeit, nicht von Ritterlichkeit sondern von Grausamkeit – und jeder wusste auf, auf wen das Lied gemünzt war: auf den Fürsten und seinen Hofstaat.  Neugierig und besorgt wanderten die Blicke der Gäste  hin zu dem, der auf dem Thron saß. Sein Gesicht war während des Liedvortrags zur Maske erstarrt. Das zunächst noch amüsierte Lächeln war eingefroren. Niemand mochte jetzt in der Haut des Sängers stecken. Es war bekannt, dass der Fürst nicht zimperlich umging mit denen, die bei ihm in Ungnade fielen.

Vielleicht war es ja so ähnlich, als der Prophet sein Lied vom Weinberg gesungen hat, vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren. Vielleicht nicht ganz so gefährlich wie in der beschriebenen Szene, aber immerhin. Bei einem Fest mag er aufgetreten sein, vielleicht zur fortgeschrittenen Stunde, als der Wein die Herzen schon recht gewärmt hatte und die Sitten etwas lockerer geworden waren. „Ah, ein Lied vom Weinberg will er singen“, werden sich alle gedacht haben. Die Männer werden vielleicht die Arme um die Taillen ihre Frauen geschlungen und die werden ihre Köpfe verträumt an die Schultern ihrer Männer gelegt haben. Ein Lied vom Weinberg, wie romantisch. Der Weinberg – das war eine leicht zu deutende Anspielung. Wer von einem Weinberg singt, denkt an das Mädchen, das er liebt, dem er sein Herz schenkt. Da hört man gern zu, wenn der Sänger in seinem Lied von der Mühe singt, mit der der Winzer seinen Weinberg bearbeitet: er gräbt ihn um, er pflanzt darin edle Reben. Er richtet sich ein in diesem Weinberg. So wirbt er um die Geliebte. Aber nun kippt die Stimmung: der Weinberg taugt nichts – trotz aller Mühe. Das Liebeslied wird zum Klagegesang, zum Lied über enttäuschte Liebe. Der Freund wartet darauf, dass der Weinberg gute Trauben brächte – aber er brachte schlechte, singt der Prophet und man möchte einen tiefen Seufzer dabei hören. Jetzt unterbricht er seinen Vortrag, wendet sich an seine Zuhörer, als ob er fragen wollte: was soll man mit einem Weinberg tun, der nichts taugt? Was soll man mit einer Geliebten machen, die nicht treu ist?

Na, das ist doch klar! Da sind sich die Zuhörer einig. Der Weinberg soll verwüstet und zertreten werden – sollen doch die wilden Tiere darin hausen. Die Geliebte, die nicht treu ist, soll sich zum Teufel scheren. Und so wird es im Lied auch besungen – oder sollte ich besser sagen, beklagt. „Ich will ihn – den Weinberg –  wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen …“

Nun schaut der Sänger seine Zuhörer an. Oh, sie verstehen nichts. Zufrieden und grinsend nicken sie ihm zu. Recht so! Was will man mit so einem Weinberg anderes tun. Wie selbstzufrieden sie sind. Wie uneinsichtig. Wie dumm! Da kann er sich nicht länger beherrschen. Der Gesang bricht ab. Die Stimme bebt: „Ihr seid gemeint!“ hören sie. „Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Ein ganzes Volk wird beschämt. Gottes Volk ist Gottes Geliebte, seine Braut. Israel – die Liebe seines Lebens, hat ihn verraten und jetzt soll sie sich zum Teufel scheren. Die Zuhörer haben sich selbst das Urteil gesprochen. Sie haben sich der Gier verschrieben, statt der Barmherzigkeit. Sie beugen das Recht, jeden Tag. Ihr Herz ist vergiftet: im Land regiert Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit. Wie muss es dem Volk in den Ohren geklungen haben, bei diesem Lied. Herzergreifend ist es, in der Tat. Und doch so ganz anders.  Gott ist wie ein enttäuschter Liebhaber. Einer, der merken musste, dass er sein Herz der Falschen geschenkt hat, dass er belogen und betrogen und hintergangen worden ist. Die Falsche, das ist sein Volk. Es hängt anderen Göttern an. Es schert sich einen Dreck um die Gebote, die Gott ihm ans Herz gelegt hat. Sie gehen ihre eigenen Wege und merken nicht, dass sie in den Untergang führen.

 „Ihr seid erledigt! Gott will nichts mehr von euch wissen!“ Mit dieser Botschaft verklingt das Lied der enttäuschten Liebe. Kein schönes Ende. Die Worte des Propheten sind viel zu bitter für eine erbauliche Predigt. Wie gut, dass nicht wir gemeint sind, dass der Prophet nicht uns dieses Lied singt! Oder vielleicht doch? Wir hören die Worte des Propheten in der vorösterlichen Bußzeit. Eine Zeit der Besinnung, der Umkehr, der Bestandsaufnahme. Gott wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit – gilt das auch uns?  Ich möchte nun nicht die Zeitung aufschlagen, um Beispiele zu suchen, die belegen könnten, dass es heute so wie damals ist, als der Prophet sein zorniges Lied gesungen hat. Damals hat die Ungerechtigkeit zum Himmel geschrien. Die Reichen haben Acker an Acker gereiht, die Bauern haben ihre Freiheit verloren, sind abhängig geworden. Viele von ihnen jedenfalls. Rechtsspruch oder Rechtsbruch? Gerechtigkeit oder Schlechtigkeit? Wo ist die Grenze dafür in unserem Land, wo ist sie in meinem Leben?

Und noch etwas frage ich mich: wie es mit Gott ist, dem enttäuschten Liebhaber. Ist er immer noch zornig, immer noch traurig, immer noch verbittert?  Was haben wir zu erwarten? Etwa die Axt, die schon an die Wurzel gelegt ist und von der Johannes der Täufer gesprochen hat? Ob es nicht doch noch einen Funken Hoffnung gibt? So kann sie doch nicht enden, die Liebesbeziehung zwischen Gott und dem Menschen! Bei meiner Predigtvorbereitung bin ich auf einen Text aus der jüdischen Tradition gestoßen: „Ein König besaß einen Garten mit Weinstöcken, Feigen-, Granatapfel- und anderen Fruchtbäumen. Er beschloss, den Garten einem Pächter anzuvertrauen. Nach Jahren kam er an seinem Besitz vorbei. Alles war von Disteln und Unkraut überwuchert. Rasch entschlossen, wollte er die Bäume umhauen lassen und brachte Holzfäller herbei. Doch da sah er zwischen den Disteln eine Lilie blühen. Er nahm sie an sich und roch ihren wunderbaren Duft. Sogleich war er versöhnt.“

Der Gott, an den ich glaube, ist wie dieser König. Er ist zwar enttäuscht, doch gibt er seinen Weinberg nicht auf. Er findet unter den Dornen und Disteln die blühende Lilie, deren Duft ihn versöhnt. Dass es im Weinberg Gottes so eine Lilie gibt, will ich gerne glauben. Ob es deshalb vermessen ist, zu sagen, dass die Menschen, die nach Gott fragen wie die Lilien sind, deren Duft den König versöhnt? Ob es vermessen ist, zu sagen, dass es vor allem einen Menschen gegeben hat, der mit seinem ganzen Leben und Sterben für die Menschen eingetreten und so zur Lilie geworden ist, deren Duft den König versöhnt? Eindeutig und einfach war seine Botschaft: „Kehrt um und glaubt an das Evangelium, denn das Reich Gottes ist angebrochen!“  Vertrauen hat er uns gelehrt, der Sohn Gottes und der Menschen, den wir Jesus nennen. Vertrauen ist wie der Duft der Lilie, der den König versöhnt. Vertrauen sollen wir, dass wir um Christi Willen bei Gott ein offenes Ohr und ein weites Herz finden, wenn wir es machen wie der Psalmbeter und rufen: „Reminiszere! Gedenke meiner, o Herr, nach deiner großen Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind.“ Vielleicht ist die Zeit dafür jetzt angebrochen. Die Zeit der Buße, die Zeit, um Gebete wie diesen Psalm anzustimmen. Nicht von Angst getrieben können wir beten, sondern erfüllt vom Vertrauen darauf, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als sein Zorn.  Amen.

 

© Pfarrer Stefan Köttig, Altenstein,28.2.2021

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