Predigt der Michaelsvesper, im Sept. 2021, Kloster Volkenroda

Predigt in der Michaelsvesper auf dem Michaelsfest des Konventes Mitte-Ost und des  Rheinisch-Westfälischen Konventes im Kloster Volkenroda am 03.09.2021

 

Gen. / 1. Mose 21: 8 – 21

Es geht um unsere Kinder. Was haben wir Ihnen alles nur in die Wiege gelegt?!
Sie müssen es verarbeiten.
Werden Sie es schaffen?
Alfred Otto Schwede schrieb 1969 ein Buch mit dem Titel: „Die Väter aßen saure Trauben – Erinnerungen eines Bartscherers“; gern habe ich es gelesen.
Ja, das stimmt und persönlich muss ich noch sagen: im Blick auf die Enkel gilt das auch, dass sie verarbeiten müssen, was wir ihnen eingebrockt haben..
Unsere Kinder brauchen einen Engel. Das ist die Botschaft dieses Textes:

Genesis / 1. Mose 21: 8 – 21 (BasisBibel)    

Dieser Bibeltext ist eine Errungenschaft in dem überarbeiteten Kirchenkalender. Sicher liegt es auch daran, dass wir heute von den „Biblischen Erz-Eltern“ sprechen und von der „Patchwork-Familie Abrahams“. Grund dieser Textwahl für Michaelis ist ganz sicher die Erwähnung des Engels!
Ich erinnere mich an das Motto-Lied des Kirchentages 2017:
„Du bist ein Gott, der mich anschaut“ (Lieder Heft FreiTöne)  – sicherlich werden wir dieses Lied im neuen Evangelischen Gesangbuch finden.

Sind Eltern überfordert?
Ist Abraham mit seiner Patchwork-Familie überfordert??
Vater Abraham geht offensichtlich den Weg des geringsten Wiederstandes im Konflikt seiner beiden Frauen Hagar und Sara. Hagar bekommt Proviant für einen Tag und wird mit Ismael in die Wüste geschickt. Alles andere wird für Isaak aufgespart.
Hagar ist Ägypterin, das ist nicht unwichtig in diesem Zusammenhang! Sind doch in den Augen der Erzähler und Hörer dieser Geschichte die Ägypter die Sklavenhalter der Israeliten!?! Und hier wird eine Ägypterin vom Erz-Vater persönlich unterdrückt und in die Wüste geschickt! Abraham kennt die Gegend und wird heimlich froh gewesen sein: Hagar geht in die richtige Richtung, es ist Beer Scheba, die Gegend der sieben Brunnen.
Ist es nun der Liebe-Gott, der den Erstgeborenen verstößt und den Zweitgeborenen bevorzugt?
Wenn überhaupt schon ein Prediger über diesen Text gesprochen hat, dann sicher nach der Devise: „Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade“! Gott ist es, der allen Nachkommen Abrahams reiche Nachkommenschaft und reichen Segen verheißt. Und Gott wiederholt dieses Versprechen mehrmals und ausdrücklich!
Doch ganz so groß wird das Vertrauen der Erz-Eltern in Gott wohl nicht gewesen sein: beide missbrauchen in gegenseitigem Einvernehmen die ägyptische Sklavin – dabei war sie eine selbstbewusste, stolze Frau – sogar das Datum wird genannt.
Hagar muss vor Sarai fliehen. Ein Engel findet sie „bei der Quelle am Wege nach Schur“. Der schickt sie zurück mit ausdrücklicher Verheißung sehr großer Nachkommenschaft und Nennung des Namens ihres Kindes:
ISMAEL – denn der HERR hat dein Elend gehört.
Daraufhin gibt Hagar Gott einen Namen:
DU BIST EIN GOTT, DER MICH SIEHT!.
Der Ort dieses Geschehens und der Name des Brunnens werden dabei genau beschrieben.
Hagar geht zurück.
Ismael wird geboren und im Alter von 13 Jahren beschnitten.
Hagar verdankt ihr Leben einem Gottesboten / einem Engel. Liest man diesen biblischen Zusammenhang, so wird deutlich: der Stammbaum Israels hat ein komplexes Wurzelwerk. Hagar und Ismael sind offensichtlich dabei störende, vertriebene Familienmitglieder. Aber, Gott behält auch sie voll im Blick und segnet sie ebenso.
Beer Scheba heißt: sieben Brunnen! Hagar muss die Gegend auch gut gekannt haben, aber beide irren umher. Erst als Gott ihre Augen öffnete, sah sie das rettende Wasser! Hagar ließ ihren Sohn unter einem Strauch zurück und ging weinend ein Stückwegs!

An dieser Stelle frage ich mich, wo ist in unseren Gottesdiensten der Ort zu weinen Gott, anzuklagen? Allenfalls vielleicht dort wo die Stundengebete gehalten werden, beim Psalmgebet. Dort wären es die Klage-Psalmen. Aber oft ist man nur mit dem korrekten Vortragen dieser Verse beschäftigt und dringt nicht weiter durch, die persönliche Klage vor Gott auszusprechen.
Eine solche Klage habe ich gefunden aus der Feder von Christine Lavant. Geboren 1915 als neuntes Kind einer Bergmannsfamilie. 1973 im Alter von 57 Jahren gestorben. In ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, vom Elend geprägt, schreibt sie nun mit einem Donnerschlag dieses Gedicht auf:  „

Ich will vom Leiden endlich alles wissen!
Zerschlag den Glassturz Der Ergebenheit
und nimm den Schatten meines Engels fort.
Dort will ich hin, wo deine Hand verdorrt,
ins Hirn der Irren, in die Grausamkeit
verkümmerter Herzen, die vom Zorn gebissen
sich selbst zerfetzen, um die tolle Wut
hineinzustreuen in das Blut der Welt.
Mein Engel geht, er trägt das Gnadenzelt
auf seinen Schultern, und von deiner Glut
hat jetzt ein Funken alles Glas zerschmolzen.
Ich bin voll Hoffart und zerkau den stolzen
verrückten Mut, mein letztes Stücklein Brot
aus aller Ernte der Ergebenheit.
Du warst sehr gnädig, Herr, und sehr gescheit,
denn meinen Glassturz hätte ich sonst zerschlagen.
Ich will mein Herz jetzt mit den Hunden jagen
und es zerreißen lassen, um dem Tod
ein widerliches Handwerk zu ersparen.
Du sei bedankt – ich hab genug erfahren.

 (Aus: Christine Lavant, Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte, hg. und mit einem Nachwort von Doris Moser und Fabjan Hafner, Wallstein Verlag, Göttingen 2014. veröffentlicht in Publik-Forum Nr 13/2021 S. 41)

Aber:
im Bibeltext heißt es doch, Gott hörte auf die Stimme Ismaels!
Dabei hat Ismael doch im Gegensatz zu seiner Mutter geschwiegen?
SCHWEIGEN
Dem Schweigen nachzudenken wäre nötig. Schweigen kann Zustimmung oder auch Verneinung bedeuten. „Die Schwester des Sprechens ist das Schweigen!“ Rabbi Akiba verdanken wir solche Erkenntnisse: „Der Zaun um die Weisheit ist das Schweigen“. Oder denken wir an die Begegnung Elias mit Gott. Elia begegnet Gott im Geräusch eines leisen Wortes beziehungsweise in einer Stimme schwebenden Schweigens. Im Zuge der christlich-jüdischen Gespräche, der gemeinsamen Bibellektüre sind hier für uns neue Erkenntnisse zu hören. Rabbi Mendel von Worki sagte zur Stelle: „Es ist der lautlose Schrei Ismaels gewesen, auf den Gott horchte“. Und Rabbi Mendel  beschreibt die drei Kennzeichen eines wahren Juden: „aufrechtes Knien – lautloser Schrei – unbewegter Tanz“.

Die konkrete Rettung Hagars und Ismaels übernimmt nun der Bote:
„Was ist dir, Hagar?
Fürchte dich nicht!
Nimm den Jungen fest in deine Arme!“
Der Engel zitiert noch einmal Gottes Verheißung an Ismael. Hagar erfährt durch den Boten, dass Gott ein Gott, ist der sie ansieht und der ihr die Augen öffnet. Gott sieht die unterdrückte und verstoßene Ägypterin und öffnet ihr die Augen für ihre Rettung.

Hier sind wir nun beim Thema Michaelsfest.
Die Erz-Eltern Geschichten entstammen patriarchalischer Kultur. Hagar spielt hier eine ganz aktive Rolle: sie gibt Gott einen Namen und ruft ihn mit dem Namen an. Spätestens beim betrachten des Boten wird deutlich: die patriarchalischen Muster werden von Gott selbst durchbrochen. Ein Schwarz-Weiß-Denken ist in diesem komplexen Wurzelwerk der monotheistischen Religionen nicht möglich. Der Erzengel Michael kämpft als Bote eben nicht auf der einen Seite der Christen. Er öffnet uns die Augen für unsere verbindende, gemeinsame Familiengeschichte. Wenn wir weiterlesen wird dieser Grundzug deutlich: Abraham ist bereit, auch seinen zweiten Sohn zu opfern. Auch hier ist es wieder der Bote der ihm die Augen öffnet. Hagar sieht den rettenden Brunnen und Abraham sieht den rettenden Widder den er anstelle Isaaks opfern kann. Ganz sicher wird der Engel auch uns die Augen öffnen angesichts des Zustroms muslimischer Flüchtlinge.
Ein Grundmotiv der drei monotheistischen Religionen ist:
Gott rettet sein Volk aus dem Totenreich der Sklaverei: Pesach.
Ich lebe – doch nicht ich: Jesus Christus lebt in mir: Ostern
Neues Leben aus dem Tod: die Wallfahrt nach Mekka ist ein nachempfinden der Rettung Hagars und Ismaels.
Vielleicht schlüpfen wir doch mal in die Rolle des Boten und fragen unsere jüdischen und muslimischen Mitbürger:
Was ist dir Schwester? Was ist dir Bruder? Und singen gemeinsam dieses schöne Lied:
„Du bist ein Gott der mich anschaut.
Du bist die Liebe, die Würde gibt.
Du bist ein Gott, der mich achtet.
Du bist die Mutter, die liebt,
Du bist die Mutter, die liebt.“

(Text: Susanne Brandt 2016. Mel.: Miriam Buchmann 2016)

 

Pfarrer Klaus Kurt Raschkowski, EMB, Konvent Mitte-Ost

 

 

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