Misericordias Domini, Predigt zu Hes 34, 1-2+10-16+31


Jesus als der gute Hirte in der Calixtus-Katakombe in Rom (3.Jhd.)

Gebet:

Herr Jesus Christus,
Du bist unser guter Hirte,
der sich um uns sorgt,
der uns sucht,
der uns beschützt und leitet.
Wir dürfen zu Deiner großen Herde gehören.
dafür danken wir Dir.
Hilf uns heute Morgen,
dass wir uns heute Morgen Deiner Leitung anvertrauen.
Wir vertrauen darauf:
Du führst uns auf guten Wegen,
auch wenn es durch finstere Täler geht,
denn Du sorgst für uns
und führst uns an ein gutes Ziel.
So führe uns auch durch diesen Tag.
Wir legen ihn in Deine Hände.
Amen.

 

Predigt:

Liebe Gemeinde,

heute geht es also um den Hirten und Seine Herde. Das dürfte bis hierher schon sehr deutlich geworden sein. Es ist ja auch ein sehr eindrückliches Bild, das des guten Hirten. Schon in den Katakomben in Rom hat es die frühen Christen getröstet und gestärkt. Etwas verkitscht und weichgespült war es gerade im 19. Jahrhundert sehr populär und wurde gedruckt, gemalt und in Glasfenster gefasst.

Und doch: Gerade gibt es doch allen Grund, an diesem Bild zu zweifeln. Erleben wir das denn gerade, dass uns hier ein Hirte führt oder fühlen wir nicht vielmehr ganz oft die Chaosmächte dieser Welt am Zug, die uns bedrohen und bedrängen?
Es ist also gut, wenn wir etwas näher hinschauen auf dieses alte Bild. Hierbei hilft uns der Prophet Hesekiel, der im 34. Kapitel ein Wort Gottes gerade hierzu überliefert:

1Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der Herr:
Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
10So spricht Gott der Herr: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen.
11Denn so spricht Gott der Herr: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr. 16Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. 31Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der Herr.

Gott selber weidet Seine Herde. Er tut dies, indem er sie zusammenführt. So lebt Er Sein Hirtenamt: Im Zusammenbringen, im Aufsuchen und Integrieren. So entsteht durch Ihn eine Herde, die in Ihm den Ursprung hat. Das ist die Kirche, die Er selber sammelt. Sie hat ihren Ursprung nicht irgendwo, sondern alleine in Ihm selber. Wichtig ist hier: Er ist zuerst der Hirte der Herde, nicht zuerst des einzelnen Schafs. Wir gehören als Christen in die Gemeinschaft hinein, weil Er selber uns in diese Gemeinde ruft. Im sogenannten Präsenzgottesdienst wird das sichtbar: Die Herde, die sich um ihren Hirten sammelt. Das Thema der Gemeinschaft ist gerade jetzt enorm wichtig. Der fatale Satz, man könne auch alleine für sich Christ sein, der genau das Gegenbild zu dieser Herde ist, macht sich doch gerade wieder stark. Erleben wir nicht gerade jetzt so Kirche: Jeder und jede für sich alleine, daheim, mit der Lesepredigt, vor einem Livestream oder dem Fernseher? Irgendwie digital verbunden, aber doch auch alleine. Viele finden das innovativ und niederschwellig, ich empfinde es bei allem Guten zugleich aber auch als Verarmung, denn zum Christsein gehört die Gemeinschaft. Echte, leibliche Gemeinschaft, wenn ich den anderen sehe und erlebe. Digitale Angeboten sind gut, aber nie vollwertig, weil zu echter Begegnung, zu echtem Gottesdienst immer auch leibliche Gemeinschaft gehört. Es ist ein Missverständnis zu meinen, es reiche der Kopf, wo wir doch als ganze Menschen vor Gott kommen sollen und als ganze Menschen in der Gemeinde teilhaben. Grundsätzlich gilt ja: Alles Auftrennen, Lösen, Vereinzeln ist Arbeit gegen das Hirtentum Gottes, das ja gerade im Sammeln stark ist. Wie aber können wir jetzt Gemeinschaft leben, wo wir doch aus Vorsicht und in Liebe Abstand halten müssen?
Das ist für mich eine Entscheidende Frage gerade, die uns auch als Gemeinde immer wieder bewegt. Denn wir merken: Ohne Gemeinschaft geht das Christsein nicht. Hoffen wir, dass diese Erkenntnis, die aber schon bei Hesekiel da ist, wächst und unsere Gemeinden zum positiven prägt und dass nicht die Logik des Daheimbleibens am Ende siegt, denn wir müssen sichtbar Herde sein und bleiben.

Der Hirte sammelt und das schon erleben wir gerade als brüchig. Aber nach dem Propheten Hesekiel führt er die Herde auch, von Weide zu Weide und schützt sie. Und diese Führung ist für manche gerade noch fraglicher geworden. Ist es nicht so, dass es sich oft so anfühlt, als seien wir einer großen Chaosmacht ausgeliefert, als hätten sich die Tore der Urflut geöffnet und bedrohen jetzt Seine Herde in ihrer Existenz?
Ist der HERR auch jetzt wirklich der Hirte? Hier entscheidet es sich ja, ob mein Bild vom Hirten ein rosarotes ist, das in seiner Idylle unberührt bleiben kann von den Tiefen meines realen Lebens, oder ob es wirklich die Kraft hat, mich hier und jetzt zu trösten. Je diffuser Gott wird und je weniger er mit meinem wirklichen Leben zu tun hat, desto weniger ist er angreifbar und haftbar für das, was ich erlebe. Es ist darum leicht, ein Gottesbild zu haben, das isoliert von alle dem steht und sich in Abstraktion fast auflöst Dann wird es nicht infrage gestellt. Dann hilft es aber auch wenig, denn wie soll so ein Gott helfen und wie Hirte sein?
Die Bibel geht den anderen Weg: Sie ist konkret und realistisch, weil der Zusammenhang mit dem echten Leben unserem Glauben erst die Tiefe gibt, nach der er strebt. Mein Leben immer wieder neu vom Glauben her zu verstehen und die Dinge für mich konkret zu machen ist die entscheidende Frage. So auch hier.

Jesus ist der gute Hirte, aber er verspricht uns nie, dass der Weg nicht auch durch Täler führt. In Psalm 23 sehen wir das: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal…“ Die Bibel ist hier sehr realistisch. Der Praxistest ist also nicht, ob ich an allem Leiden vorbeikomme, sondern ob ich hindurchkomme. Sonst wäre das alles eine Illusion, die im Praxistest scheitert. Für die Gemeinde heißt das also: Nicht ob sie um alle Krisen herumkommt, sondern ob sie auch in Krisen als Seine Gemeinde bestehen kann, ist die Frage.

Manche erleben gerade eben dieses finstere Tal, das hier angesprochen wird. Die ersten Christen haben es noch viel stärker erlebt. Und ihnen gab gerade das Bild vom guten Hirten Hoffnung. Weil es aussagt, dass wir durch alles Dunkel hindurch mit der Führung unseres Hirten rechnen dürfen, der es gut mit uns meint. Das ist das Entscheidende: Es wird geführt! In allem Chaos dürfen wir unserem Hirten folgen, der uns an ein gutes Ende bringen wird, in dieser oder in Seiner Welt. Ohne den Blick auf Sein Reich können wir Sein Hirtentum nicht verstehen, weil es über diese Welt hinausweist und auch hinausführt.

Manchmal folgt unser Leben nicht dem Bild des kontinuierlichen Aufstiegs, des reibungslosen Fortschritts, den wir so gerne suchen und den wir aus dem Wirtschaftsleben auch aufs sonstige Leben übertragen wollen. Manchmal ist es mehr ein österliches Bild: Dass der Weg auch durch Grabesfinster führt. Als Christen dürfen wir über allem Finster schon das Licht des Ostermorgens sehen und darauf vertrauen, dass wir in dieses Licht geführt werden.

Mir tut es gerade gut, diese Perspektive zu haben und sie neben die Perspektive der Hoffnungslosigkeit zu legen, die sich wie ein schwerer Stein auf alles Leben legen will. Neben alle Angst und Sorge: Er führt uns hindurch. Manchmal darf ich das spüren und das tut mir dann enorm gut. Wenn ich Seine Gegenwart im Leben erleben darf, tröstet mich das mehr als viele guten Worte. Manchmal erlebe ich das aber auch nicht. Hier hilft es mir, mich an Seinem Wort festzuhalten, das sich in Jahrtausenden schon bewährt hat und das sich auch in meinem Leben schon so oft bewährt hat.

In der letzten Zeit habe ich diese österliche Perspektive am Sterbebett eines Gemeindegliedes wieder erlebt. Wir haben „Jesus, meine Zuversicht“ zusammen gesungen. Da war er spürbar, der Hirte, der diesen Menschen führt und da war es wärmend sichtbar, das Osterlicht, das alles Chaosfinster bändigt.

Der Herr ist unser Hirte – was gibt es in dieser Zeit, was uns stärker trösten könnte als dieses?

Amen.

Pfarrer Mark Christenson, Hengen und Wittlingen

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