Gottesdienstimpulse für den 6. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: Mt28,1620 [Lesen >>]
Graduale:EG 395, Vertraut den neuen Wegen [Lesen >>]
Liedruf/Antiphon: Taizéliederheft Nr. 39, Du bist der Quelldes Lebens

Entfaltetes Kyrie
Gott des Lebens, der du uns Quelle und Erfüllung bist, lass uns aufblicken! – Kyrie eleison.

Christus, der du bei uns bleibst, bis an der Welt Ende, ermutige uns! – Christe eleison.

Heiliger Geist, der zu uns in der Gemeinschaft der Getauften Zuversicht verleihst, erneuere uns. –  Kyrie eleison.

 

Tagesgebet
Du, unser Gott, bist in der Gemeinschaft deiner Gerufenen und verkündest ihnen deine Verheißungen. Hilf uns, immer wieder erneut zu den Menschen dieser Erde aufzubrechen und mit ihnen die Gaben des ewigen Lebens zu teilen, so dass sich deine Verheißungen erfüllen. Stärke und bekräftige uns durch Christus, deinen Sohn und unserem Bruder. Amen

 

Fürbitte
Wir sind dir gerufen und in die Welt gesandt, um von dir, Christus, zu künden. Du hast uns die Menschen dieser Erde im Gebet anvertraut. Wir kommen zu dir und bitten:

Für alle, die sich nach einem erfüllten Leben sehnen, dass sie es in deiner heilvollen Gegenwart finden. Wir rufen zu dir:

Für alle, die sich auf ihre Taufe oder die ihrer Kinder vorbereiten, dass sie von Freude erfüllt sind. Für alle, die ein Patenamt übernehmen oder übernommen haben, dass durch ihr Amt im Glauben wachsen. Wir rufen zu dir:

Für alle, die von Krieg, Verfolgung und Zerstörung ihres Lebensumfeldes betroffen sind, dass sie Aufnahme, Gerechtigkeit und Frieden finden. Wir rufen zu dir:

Für alle, die dein Wort ablehnen, es als Angriff auf ihre Weltanschauung verstehen oder es verspotten, dass sich ihre Verhärtungen in Offenheit und Verständnis verwandeln. Wir rufen zu dir:

Für alle, die zu den Menschen dieser Erde aufbrechen, um von dir zu künden, dass ihr Lehren, Predigen und helfendes Tun auf offene Herzen und Sinne stößt. Wir rufen zu dir:

Für alle, die unter den Schwachheiten und Unzulänglichkeiten des Lebens leiden, für alle Kranken, für alle Pflegenden, für alle Sterbenden, für alle Trauernden, dass dein Wort ihnen Halt und Trost gebe und dass Menschen in der Nähe sind, die es zusagen, aussprechen und beten. Wir rufen zu dir:

 

Entfaltung des Evangeliums in sechs Erzählsequenzen, ergänzt durch die Perspektive des Pilgerweges der Gerechtigkeit und des Friedens.

Liebe Schwestern und Brüder, liebe versammelte Gemeinde,

der heutige Sonntag ist von einem biblischen Bild geprägt, dass sich durch die Erzähltradition der Heiligen Schrift hindurchzieht. Es ist das Offenbarwerden von Gottes Heilswirklichkeit im Zusammenhang des Berges, des Wassers und der Verheißung seines Segens. Die Sendung der Jünger und ihr Auftrag zu lehren und zu taufen, wie wir es im Evangelium hörten, steht also in einer Bildtradition der Heiligen Schrift, die elementar bedeutsam ist für die Erneuerung des Glaubens in der jeweiligen Zeit. Dass diese Bildkomposition an grundsätzliche/existenzielle Wahrnehmungen von uns Menschen anknüpft, wird in der ersten Erzählsequenz deutlich. Die ergänzende Perspektive zum Schluss verweist auf den Sendungsauftrag in heutiger Zeit.

Insgesamt sind die aneinandergefügten Erzählsequenzen keine geschlossene Predigt, sondern eben Erzählgut, dass das Grundbild entfaltet und ausführt.

Endlich erreichten wir den Gipfel des Königstein in gut 2200 m Höhe. Der Karpatenausläufer hatte es in sich. Die in den Karten eingezeichneten Quellen waren über die Sommermonate hinweg ausgetrocknet. Wir konnten die Wasservorräte nicht auffüllen und litten großen Durst, der sich in unerträglicher Weise immer mehr steigerte.

Auf dem Gipfel tranken wir unsere letzten Reserven. Unser Blick schweifte übers Land. Wir sahen den Weg, den wir in den letzten beiden Tagen gekommen waren. Er war mühevoll gewesen, ein ständiges Auf- und Ab. Manchmal waren wir knapp vorm Aufgeben gewesen. Aber von hier aus sahen wir auch den Weg, der vor uns lag. In der Ferne erstreckten sich grüne Täler. Zu diesen wollten wir aufbrechen. Das war unser einziges Ziel, verbunden mit der Gewissheit, da würde es wieder Wasser geben. – Entscheidend war, dass wir nun aufbrachen und keine Zeit verlieren durften.

Was war das? Ein Ruck durchzog das ganze Schiff, so dass das Holz der Spanten ächzte. Gegenstände fielen polternd herunter. Einige Tiere stellten sich breitbeinig und suchten das Gleichgewicht. Die wenigen Menschen an Bord hielten sich fest und sahen sich glücklich in die Augen. Endlich. Da war fester Boden unter dem Rumpf. Was sonst eine Katastrophe gewesen wäre, war jetzt die Rettung. Nach 150 Tagen in der Flut ging das Wasser zurück. Das Boot strandete an einem einem hohen Berg – dem Ararat, weitab von dem Ort, wo es gestartet war. Gerettet – sie waren durch die Fluten hindurchgekommen. Das Leben konnte neu beginnen. Bald würde der Regenbogen erscheinen und Gott würde seine Verheißungen für das Leben aussprechen und sie allesamt segnen. Von jetzt würde eine neue Zeit anbrechen. – Als Noah die Arche verließ, pflanzte er einen Weinberg.

Mühevoll schleppte er sich die Anhöhe hinauf. Die letzten Jahre hatten an seinen Kräften gezehrt. Hier auf diesem Berg erwartete er das Land seiner Sehnsucht, der Sehnsucht seines ganzen Volkes erblicken zu können. Der Tag neigte sich schon als der von der Höhe des Wüstengebirges ins Land in die untergehende Sonne schaute. Feine Sandstäube wirbelten über die Verwehungen. Vor ihm lag tief in die Landschaft eingegraben der Jordan an dessen Ufern es grünte und blühte. Auf der anderen Seite sah er Palmen und Felder, dahinter eine Stadt – Jericho. Gottes Verheißung lag tatsächlich vor ihm. Nach vierzig Jahren Wanderung durch die Wüste waren sie endlich da, am Ziel. Den Jordan würden sie durchqueren, und die Wüste läge hinter ihnen, eine Zeit zielloser Wanderschaft in Jahren des Lebens. Er schaute quasi in die Zukunft, aber er würde an diesem Ort bleiben und sterben. Die anderen sollten ziehen und die Erfüllung der Verheißung erleben.

Mose setzte sich und dachte lange nach. Dann ging er zur zurück und segnete die Menschen, die mit ihm gezogen waren. Nun, er wusste, es war nicht sein Segen, er gab nun nur weiter, was er selbst empfangen hatte.

Auf einer Anhöhe, in der Gegend, da wo er begonnen hatte das Reich Gottes zu verkünden, wo er Menschen seliggesprochen hatte, die sanftmütig, friedfertig, hungrig sind, die dürstet nach Gerechtigkeit und Frieden, da versammelte er noch einmal die Schar derer, die sich haben von seinem Feuer der Gottesliebe anstecken lassen, alle die, die mit ihm gezogen waren und erst auf dem Weg langsam begriffen, wen sie da vor sich hatten. Jetzt aber war es ihnen längst klar geworden, spätestens nach den Ereignissen, die nach der Kreuzigung in Jerusalem stattfanden. Es konnte eigentlich keinen Zweifel mehr geben.

Und als sie, die Jünger, auf diesen Berg angekommen waren, war da doch wieder eine Unschlüssigkeit und der Zweifel keimte wieder auf. Dieser Jesus und alles was sie mit ihm erlebten, war dass das Reich Gottes? War es das wirklich? Was würde nun geschehen? Wie ging es weiter? Aber dann trat er zu ihnen und sagte: „Mir ist alle Macht gegeben über Himmel und Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht die Menschen zu meinen Nachfolgern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie alles, was ich euch geboten habe. Seid gewiss, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“  (Mt 28,18-20, vereinfacht)

Sie gingen los. Es sollte so sein, und es würde sich so ereignen. Jeder Schritt in die Welt wurde zu einem Wagnis des Vertrauens und des Glaubens.

Ostern 1995 in der weißrussischen Stadt Witebsk. Hier wurde einst der große jüdische Maler Marc Chagall geboren. Im Zentrum der Stadt gründete er 1919 als Kulturkommissar eine Kinderkunstschule, die die Zeiten überstand und noch immer existierte.

Die Hoffnungen zu dieser Zeit auf eine bessere Zeit zerstiebten schnell. Statt Menschenachtung zogen Tod, Hunger und Kriege durch das Land. Wer anders dachte, landete im Lager. Eine neue Zeit sollte anbrechen, ohne Glaube und Christenheit, ohne Kreuz und Taufe, mit neuen Menschen… In dieser Zeit wurde die evangelische Gemeinde aufgelöst. Die Pfarrer wurden verschleppt und auch zum Teil ermordet. In der 350.000 Einwohner-Stadt gab es 1990 noch zwei orthodoxe Kirchen.

Im Ausstellungsraum der Kinderkunstschule waren um die 50 Menschen versammelt, eine Gruppe einer evangelischen Kirchengemeinde aus Thüringen und viele neugierige Menschen aus Witebsk. Russische und deutsche Kirchenlieder erklangen. Dann wurde ein Wasserbecken hereingeholt. Eine Mutter ließ sich mit ihrer Tochter taufen, dann ein Junge und auch alter Mann. Ein neuer Anfang mitten im Leben, ein neuer Anfang nach diesen Jahren – ein Leben unter und mit dem Segen Gottes, neue Hoffnung nach all dieser Zeit. Groß war der Durst nach Leben in ihnen, nicht unbedingt zuerst nach Reisen und Bananen, sondern nach einem Leben in Würdigung und Liebe.

Als sie nach der Segnung ihre Taufkerzen in den Händen hielten, leuchteten ihre Augen im Kerzenlicht. Sichtbare innere Freude drang nach außen. – Sie waren wohl über den Berg.

Das Telefon klingelte im Pfarrbüro. Die Sekretärin nahm den Hörer und nach ein paar „Mmmhs“ gab sie den Hörer an die Pfarrerin weiter. Wieder eine Absage einer lang geplanten Taufe. Die Regularien machen es unmöglich so zu feiern, so lautete die Begründung. – Ein Jahr lang keine Taufe mehr. Schweigen. Wie sollte es weitergehen mit Kirche und Gemeinde?

Ein halbes Jahr später. Das Telefon meldete wieder einen Anruf. Die Pfarrerin vermutete eine Beerdigung. Am anderen Ende jedoch war eine Frauenstimme: „Wir wollen unsere Tochter taufen lassen!“ – Die Pfarrerin musste sich setzen und stammelte: „Aber sie wissen doch, dass das alles so schwierig ist. Unser Hygienekonzept, da müsste ich erst mit …“ Sie wurde von der Stimme am anderen Ende unterbrochen: „Ja, genau deshalb ist es uns wichtig, dass unsere Tochter getauft wird. Wir wollen unsere Hoffnung nicht aufgeben! Organisieren sie einfach, was nötig ist.“

In der Osternacht fand nach einem Jahr die erste Taufe wieder in der Kirchengemeinde statt. An der Osterkerze entzündeten nach der Tauffamilie alle anderen ihre Kerzen. Alles verlief ein wenig umständlich, aber mit jedem Licht wurde es heller im Kirchenraum. Alle spürten, dass das nicht nur äußerlich war, sondern die ganze Gemeinde erfüllte.

„Das war wie heute wirklich ein Fest der Auferstehung!“ sagte ein Kirchenältester, in der Sakristei, als die Leuchter wieder in den Schrank gestellt wurden. „Wir brauchen diese Zeichen der Ermutigung. Gerade jetzt.“

 

Eine ergänzende Perspektive für uns heute:
„Geht zu den Völkern der Erde, lehrt und tauft sie!“ Der Missionsauftrag gilt auch heute noch, wenngleich in neuer Perspektive: Am 08. Oktober 2013 beschlossen die Vertreter der Kirchen zur Weltkirchenkonferenz im südkoreanischen Buhan, dass die Christen der Erde zu einem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens aufbrechen sollen. Dieser Pilgerweg, der nicht historischen Orten und Wegen folgt, um einem touristischen Missverständnis vorzubeugen, sondern sich auf Sendung und Verheißung Christi beruft und uns aufruft zu gehen, dass Lehren ins Leben zu übertragen, damit die Welt erfährt, dass ER bei uns ist, bis an der Welt Ende.

  1. So geht den Weg, der die Gaben Gottes mit anderen teilt (via positiva). Erläuterung: „Wir sind nicht mit leeren Händen oder alleine unterwegs. Der „ursprüngliche Segen“, nach dem Bilde Gottes geschaffen und zusammen – in Gemeinschaft – zu sein, ist, dass wir ein einzigartiger Bestandteil des Lebensnetzes sind, das uns in Erstaunen versetzt. Gemeinsam feiern wir Gottes großartige Gabe des Lebens, die Schönheit der Schöpfung und die Einheit einer versöhnten Vielfalt. Wir fühlen uns ermächtigt von dieser Gnade, an Gottes Bewegung der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens teilhaben zu dürfen. – Wir empfangen im Gebet.“

 

  1. Geht den Weg, der nicht an den Verwundungen dieser Erde vorbeiführt (via negativa): Erläuterung: „Der Pilgerweg wird uns an Orte führen, an denen schreckliche Gewalt und Ungerechtigkeit herrschen. Wir wollen auf Gottes menschgewordene Gegenwart inmitten des Leids, der Exklusion und der Diskriminierung schauen. Die wahre Begegnung mit realen, kontextabhängigen Erfahrungen einer zerbrochenen Schöpfung und des sündigen Gebarens gegenüber anderen Menschen kann uns an das Wesentliche des Lebens selbst erinnern. Es kann dazu führen, dass wir Buße tun und uns – in einem Prozess der Reinigung – von der Besessenheit mit Macht, Besitz, Ego und Gewalt befreien, so dass wir Christus immer ähnlicher werden. – Wir lauschen im Gebet.

 

  1. Wenn ihr geht, verwandelt die Ungerechtigkeit zu Gerechtigkeit (via transformativa). Erläuterung: „Wenn wir selbst verwandelt werden, kann uns der Pilgerweg zu konkretem Handeln für Verwandlung führen. Wir können vielleicht den Mut aufbringen, in wahrem Mitgefühl für einander und für die Natur zu leben. Dazu gehört auch die Stärke, allem Bösen zu widerstehen – aller Ungerechtigkeit und aller Gewalt, auch wenn eine Kirche in einer Minderheitssituation lebt. Wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit sowie die Heilung der Verwundeten und das Streben nach friedlicher Versöhnung ist unser Auftrag – in jedem Kontext. Die Glaubwürdigkeit unseres Handelns kann durch die Qualität unserer Gemeinschaft – einer Gemeinschaft der Gerechtigkeit und des Friedens – wachsen. – Wir lassen uns verwandeln durch unser Gebet und unser Handeln im Gebet.“

[https://www.oikoumene.org/sites/default/files/Document/GEN05rev_Einladung_zum_Pilgerweg_der_Gerechtigkeit_und_des_Friedens_REVISED.pdf]

 

So wird der Friede Gottes unsere Herzen und Sinne erfüllen,
durch Christus Jesus, unseren Bruder und Herrn.

Amen.

Pfarrer Dirk Vogel

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