Die Sonntage

Andacht von Pfr. Matthias Gössling, 1. So. n. Trinitatis

Apostelgeschichte 4,32-37 – 1. S. n. Tr. 2020

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.  33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.  34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte  35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.  36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,  37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Predigt

I

Christus spricht: Wer euch hört, der hört mich;
und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lk 10,16)

Diese Worte des Wochenspruchs weisen die Richtung.
Es geht darum, dem anderen zum Christus zu werden.
Und: Es geht darum, im anderen Christus zu entdecken.

 

II

Dem anderen zum Christus werden, im anderen Christus entdecken, hat mit dem Hören auf Gottes Wort zu tun, das uns Menschen zusprechen und zuleben, mit dem Hören auf das, was uns Leben schenkt, ewiges Leben.

Und es hat mit der Liebe zu tun.

„Zur Liebe gerufen“ – so das Leitmotiv dieses 1. Sonntags nach Trinitatis in unserem Tagzeitenbuch. Es nimmt Bezug auf die bekannten Worte aus dem 1Joh, die eigentliche Brieflesung für diesen Tag: Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. (4,16b)

Dem anderen / der anderen zum Christus werden – das geht eben nur in Liebe.

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Das ist die Überschrift über alles.

Auch die Geschichte vom Reichen und von Lazarus, die wir im Evangelium des Sonntags hören, und die so schnell als eine Geschichte von Himmel und Hölle, von gut und böse verstanden wird, ist letztlich eine Liebesgeschichte. Denn aus Liebe wird uns ans Herz gelegt: Höre auf das, was ewiges Leben schenkt!

Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Wir Menschen sollen uns durchdringen lassen von der grenzenlosen Liebe Gottes und selbst zu grenzenlos Liebenden werden.

Ohne, dass ich verallgemeinern oder andere vereinnahmen will, dennoch: wir sagen das so oft im Gottesdienst – und gleichzeitig sind wir immer wieder so fern davon und fällt es uns so schwer:

  • Einander in Liebe annehmen.
  • Einander wirklich zuhören.
  • Einander verzeihen.
  • Einander die Wahrheit sagen.
  • Einander nichts nachtragen.
  • Einander aufhelfen, wenn es nicht weitergeht.
  • Wie schnell ziehen wir über andere her.
  • Wie schnell reden wir über andere, anstatt mit ihnen zu sprechen.

Ja, nur in Liebe können wir einander zum Christus werden.

Nur so können Menschen spüren und erleben:

So gut meint es Gott mit uns.

Nur liebens-würdige Zeuginnen und Zeugen stecken an. Überzeugen. Bringen zum Nachdenken.

 

III

So verstehe ich auch die idealtypische Erzählung aus der Apostelgeschichte.

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

Ob die Urgemeinde in Jerusalem nun wirklich so gelebt hat oder ob das eine Utopie des Lukas war – die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen (s. z.B. J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, S. 89ff.) – auch hier geht es um liebens-würdiges Zeugnis. In aller Spontaneität wird Besitz zu Geld gemacht, um die Bedürftigen zu unterstützen. Die Verkündigung des neuen Lebens aus der Auferstehung wird gleichsam im Leben der Gläubigen umgesetzt.

Glauben ist nicht etwas, das sich nur im Kopf abspielt, sondern es durchpulst das Herz und durchströmt von hier aus – wie der Blutkreislauf – auch die Hände und die Füße, den ganzen Leib. Die Schar der Gläubigen, der Leib Christi, ist als Ganzer vom neuen Leben angesteckt.

Das gilt es, immer wieder neu zu hören und im eigenen Leben Gestalt werden zu lassen. Das zeichnet echte Bruderschaft, echte Geschwisterschaft aus: dass das ganze Tun und Lassen in den Dienst des neu geschenkten Lebens gestellt wird; dass es nichts gibt, was außen vor ist.

Deshalb heißt es in der Urkunde der Bruderschaft, die ja auch Urkunde der Gemeinschaft St. Michael ist: „Die Brüder helfen einander in allen Nöten des Leibes und der Seele nach bestem Vermögen. Ihr Dienst gilt allen, die ihrer Hilfe bedürfen. Sie tun in Gebet, Wort und Tat alles, um den Frieden zwischen Ständen und Völkern zu fördern, Hass und Ungerechtigkeit in der Kraft der Liebe Christi zu überwinden.“ (II,8)

Auch wenn wir heute zum Teil andere Worte benutzen: Es geht in allem um ein Auferstehungsleben in der Kraft der Liebe Christi, in der Kraft der Liebe, die uns geschenkt ist und die weiterwirken will. Hinein in unsere Gemeinschaften, hinein in unsere Gemeinden, in die Kirche, in die Welt.

Damit so Christus entdeckt wird.

 

IV

Deshalb heißt es im Evangelium:

Hört auf Mose und die Propheten. Hört auf das, was Gott euch zu sagen hat. Sucht seine Gegenwart. Sucht seine Liebe, damit sie euch entzünden kann. Sucht Christus, der euch auch im Nächsten begegnet.

In Lazarus (= El ’azar – Gott hilft), der vor der Tür sitzt. Oder neben mir am Tisch in der Schule. Oder am Nachbar-Schreibtisch im Büro. Oder im Flüchtling, der in unser reiches Land kommt. Oder in derjenigen, die Angst hat, angesteckt zu werden. Oder auch in Geschwistern unserer Gemeinschaften, die mir zugemutet werden.

Lazarus hat viele Gesichter. Christus hat viele Gesichter. Und wartet auf Zuwendung und Hilfe. Das ist Grund aller diakonischen Zuwendung in unserer Kirche. Und deshalb Aufgabe nicht nur einiger Spezialisten – die brauchen wir auch –, sondern von uns allen. Im anderen begegnet uns Christus selbst: Was ihr getan habt einem dieser Geringsten, das habt ihr mir getan. (Mt 25,40)

 

V

Auf Christus hören… Uns fällt das heute oft schwer.  Wir hören so viel. So viele Worte dringen auf uns ein. Nur selten können wir Worte wirklich aufmerksam wahrnehmen und würdigen… Wir brauchen Räume – Zeiten – Stille… Auf Christus hören. Seine Worte der frohen Botschaft, die uns hineinwachsen lassen wollen in die tiefe Wahrheit, die D. Bonhoeffer in die Worte fasste: Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen!

Und die Verheißungen sind: Du bist nie allein! Du kannst darauf vertrauen: Alles wird gut. Am Ende steht die Liebe, die größte Gnadengabe Gottes. In ihr können wir entdecken, wie Gott ist.

 

VI

Und durch unser Tun und Lassen, durch unser Reden und Schweigen, durch unser Glauben, Hoffen und Lieben – von Gott selbst gewirkt und geschenkt – können andere Menschen Christus entdecken. Können spüren, wie Gott ist. Natürlich immer nur bruchstückhaft. Nur im Fragment. Aber glaub-würdig.

Sind wir Hörende? Und reden wir aus diesem Hören von dem, was uns trägt? Geben wir Antwort, wenn wir nach unserem Glauben gefragt werden? Können wir Antwort geben?

Das sind die Fragen, die uns an diesem Sonntag gestellt werden.

Gott gebe es, dass wir glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen seiner Liebe und seiner guten Botschaft sind und immer neu werden – wo immer wir leben und arbeiten.

 

Fürbitten

Im Frieden lasst uns zu Gott beten:

Gott, du bist die Liebe. Du willst uns entzünden, damit wir aus dieser Liebe leben. So bitten wir dich:

Schenke allen, die in der Kirche leiten und lehren, Klarheit und Glaubwürdigkeit in ihren Worten und Taten.

Gib allen, die Einfluss auf die öffentliche Meinung haben, den Mut, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

Hilf uns, dass wir Worte füreinander finden, die klären, entlasten, ermutigen und gleichzeitig deine Liebe spüren lassen.

Schenke allen, die keine Worte mehr finden, neues Vertrauen, dass sie dir sagen, was sie belastet und was sie freut.

Barmherziger Gott, dir vertrauen wir unsere Gebete und unser ganzes Leben an – durch Christus, unsern Herrn.

Amen

 

Kollekte

Du unbegreiflicher Gott,

die Himmel können dich nicht fassen –

und doch kommst du uns nahe in deinem Wort.

Hilf, dass wir deine Stimme unterscheiden

von den vielen anderen Stimmen,

die auf uns einreden,

damit unser Leben dir gehöre, getragen und geformt

von deiner Liebe, die uns in Jesus Christus begegnet.

Dir sei Ehre in Ewigkeit.

Amen

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