Die Sonntage

Predigttext: Lk 5, 1-11, von Pastorin Susanne Reitze-Jehle

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gotte und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

 

Predigttext: Lk 5, 1-11

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen, die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

Da stieg er in eins der Boote, das Simon gehörte und bat ihn, ein wenig vom Land weg zu fahren. Und er setzte sich und er lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahr hinaus, wo es tief ist und werft eure Netze zum Fang aus.

Und Simon antwortete und sprach: Meister, wie haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen, aber auch dein Wort will ich die Netze auswerfen.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen.

Und sie winkten ihren Gefährten, die im anderen Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so dass sie fast sanken.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.

Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten.

Ebenso auch Jacobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen.

Und sie brachten die Boote an Land und verließen alle und folgten ihm nach.

 

Liebe Gemeinde,

im vergangenen Jahr bin ich 60 geworden. Wie einige von Ihnen habe ich damit die Schwelle in das Jahrzehnt überschritten, in dem ich in Ruhestand gehen werde, wann auch immer das sein wird.

Schon heute denke ich: Ich muss anfangen und sortieren. Ich müsste Sachen wegschmeißen, die nach mir niemand mehr braucht.

Ich muss Mails löschen, deren Inhalt niemanden etwas angeht.

Ich muss mich endlich mal von den Papieren trennen, die mir vor vielen Jahren schon meine Vorgänger hinterlassen haben und die ich nie angesehen habe.

 

Ich mache meine Aktenschränke auf und nehme Ordner heraus.

Dokumente, die wichtig sind und die ich irgendwann gut übergeben muss. Viele Planungsunterlagen, Abstimmungen mit Behörden, Wartungsverträge für unsere zahlreichen technischen Anlagen, die hoffentlich auch noch die nächsten Jahrzehnte bestehen, Protokolle von Sitzungen der MAV, die 30 Jahre lang aufgehoben werden müssen und vieles mehr.

Aber wenn ich genauer hinschaue, sehe ich, wie viele Dokumente von Vergeblichkeit in meinem Schrank stehen.

Konzepte, irgendwann mal mit viel Herzblut geschrieben und nie umgesetzt.

Längst überholte Bauanträge, die nie genehmigt wurden,

Listen über Listen, die wir mal wichtig fanden.

Auch die Liste der Vergeblichkeiten könnte ich lange fortsetzen.

So viel Erfolgloses in diesen Schränken, so viel vergeudete Lebenszeit, die ich mit Wichtigerem hätte verbringen müssen, so viel Kraft und Nerven für Nichts!

Gerade in den letzten Wochen wurde dieses Gefühl auf die Spitze getrieben:

Corona-Verordnungen des Landes NRW oder des Kreis Wesel mussten sofort umgesetzt werden, und kaum hatten wir sie umgesetzt wurden sie einkassiert und durch neue, oft den vorherigen widersprechende Verordnungen ersetzt.

Oft standen wir am Ende eines Tages da und wussten: alles, wirklich alles, was wir in den letzten10 Stunden, den letzten 7 Tagen getan hatten, war völlig umsonst.

Und auch in Nicht – Coronazeiten spüren wir das oft – und ich bin mir sicher das Gefühl kennen Sie auch – :

Wir gehen abends nach Hause und wissen, das Eigentliche, das wofür wir da sind, das haben wir nicht hinkriegt.

Wir haben Menschen beim Waschen geholfen, sie gelagert, wir haben Essen gereicht, Wunden versorgt, und so vieles andere mehr. 24 Stunden lang.

Wir haben uns miteinander beschäftigt: Gymnastik, Musik, Gartenarbeit, Menschen waren zu Besuch und sogar Tiere. Wir hatten Freude miteinander und  oft gelacht.

Und trotzdem nicht wirklich etwas tun können, gegen die Einsamkeit, die langen schlaflosen Nächte, die Ängste, die sich Bahn brechen, das Sterben.

Das Wichtigste – so das Gefühl – haben wir nicht hingekriegt. Alle Mühe umsonst!

„Meister“, sagt Simon, der Fischer zu Jesus, „wir haben die ganze Nacht gearbeitet, aber wir haben nichts gefangen!

Nichts gefangen und dennoch zu Tode erschöpft.

Nichts gefangen und trotzdem noch wach geblieben, Netzte gesäubert, geflickt, ausgebreitet für den nächsten Tag.

Oder bei mir im Haus: Endlos müde nach langen Nachtwachen, dann noch dokumentieren, alles Wichtige dem Frühdienst übergeben, nach Hause gehen, schlafen – wenn es denn geht – aufstehen und wieder von vorne beginnen. Und sich fragen: Wofür!

Und dann die Kehrseite:

Die Netze reißen unter dem Gewicht der Fische, die herbeigeholten Fischer drohen mit ihren Booten zu kentern.

Man könnte jetzt auf vermeintlich gute Ideen kommen. Erträge sichern auf lange Zeit. Meere vermessen, Orte finden, an denen sich das Fischen offensichtlich doch lohnt, wo es am effektivsten ist. Nutzlose Wartezeiten auf den Booten senken, Arbeitskraft sparen.

Man könnte richtig was rausholen.

Man könnte es so machen, wie es inzwischen seit Jahrzehnten gemacht wird und nun in den letzten Monaten überdeutlich zum Vorschein gekommen ist:

Da werden in reichen Ländern Europas Krankenhäuser privatisiert, Intensivbetten abgebaut, da sie sich nicht rechnen in Zeiten ohne Katastrophen.

Da wird die Herstellung von Cent – Artikeln wie Einmalmasken und Schutzkitteln oder sogar die Produktion lebenswichtiger Medikamente ans andere Ende der Welt verlagert, weil man damit große Einsparungen erzielt.

Da wird Fleisch in Massen von osteuropäischen Werkarbeitern zerlegt, die in miesen Unterkünften hausen, damit das Fleisch billig bleibt, trotzdem massenhaft Gewinne bringt und die deutsche Seele zufrieden ist.

Da werden Meere ohne jedes Maß überfischt, ohne Rücksicht auf zusammenbrechende Ökosysteme, ohne Rücksicht auf kommende Generationen, aus nur einem Grund: weil die Nachfrage so unglaublich ist.

Und dann passiert etwas. Und dann zerplatzt der Traum von der stetigen Gewinnmaximierung. Und dann erschrickt man und sucht die Schuldigen als hätte man nicht selber alles gewusst.

„Jesus Christus“ schreibt die Theologin Dörte Gebhardt „reißt uns aus der Vergeblichkeit und aus dem unerträglichen Erfolg.

Denn beides ist nicht gut für das menschliche Herz.“

Das menschliche Herz.

Da passiert etwas bei Simon Petrus, bei den Söhnen des Zebedäus.

Auch sie erschrecken! Aber nicht, weil gerade die Träume vom riesigen Erfolg geplatzt sind, sondern weil dieser Jesus von Nazareth sie so sehr in seinen Bann gezogen, sie mitten ins Herz getroffen hat.

Vor ein paar Tagen habe ich einen Bericht über Jürgen Klopp gesehen, den früheren Trainer von Borussia Dortmund, der gerade mit seinem Verein in Liverpool die dortige Liga gewonnen hat., einem Club, der jahrzehntelang vor sich hingedümpelte, bis Jürgen Klopp ihn als Trainer übernahm.

„Er ist ein Menschenfänger“, sagte der Reporter, „er holt die Spieler heraus aus aller Lethargie, er ist genau so wie er redet, lacht und brüllt. Er gibt alles, schenkt sich nichts und zieht sie förmlich in seinen Bann.“

Menschenfänger

So ähnlich stelle ich mir das vor am See Genezareth.

So viele Menschen, die sich um Jesus drängen, dass er ein Boot braucht, um etwas Abstand zu gewinnen.

So viele Menschen, die das Wort Gottes hören wollen, – so schreibt es Lukas – so viele Menschen, die ihm zutrauen, dass das, was er sagt, das Wort Gottes ist.

Wenn man im Lukasevangelium ein Kapitel zurückblättert, dann stößt man auf den Bericht über einen der ersten Auftritte Jesu in der Öffentlichkeit. Er geht in die Synagoge, bekommt die Bücher der Propheten gereicht und liest aus Jesaja:

„Der Geist Gottes ist auf mir, darum weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen. Er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehen sollen, den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn“.

Das ist das Evangelium in seiner Essenz, in seinem Kern: Dass die Zerschlagenen – die an Körper und Seele gebundenen – frei und ledig sein sollen. Einfach so. Ohne Verdienst. Einfach so: Aus Gnade. Einfach so: Geschenkt. Einfach so: weil sie so gewollt und gemeint sind: frei und ledig aller Unterdrückung.

Irgendetwas muss an Jesus von Nazareth gewesen sein, dass die Menschen ihm das geglaubt haben. Dass in seiner Person die Worte des Propheten wahr geworden sind. Das er mit seiner ganzen Person dafür einstand, dass die Menschen so gemeint sind von Gott: frei und ledig, von Armut und unerträglichen Arbeitsbedingungen, von der Gier nach dem „Mehr“, die allen Lebensraum vernichtet.

Wenn wir uns an diesen Kern erinnern, dann wird eigentlich vieles leicht.

Dann ist es nicht schwer zu erkennen, wo gerade Recht mit Füßen getreten, wo die Würde des Einzelnen in Frage gestellt wird, wo wir fatalen Wünschen und Ideologien nachrennen, wo etwas richtig schief läuft in diesem Land – um einmal vor der eigenen Haustür zu bleiben.

Dann geht z.B. der Blick auf die Armen, die geschändeten Tiere oder den latenten Rassismus direkt ins eigene Herz und kann eigentlich gar nicht anders als es bewegen und verändern und uns loslaufen lassen wie Simon Petrus und die Söhne des Zebedäus.

Von der Philosophin Carolin Emke gibt es einen Text, den ich Ihnen gerne zum Schluss vorlesen will:

„In meinem Elternhaus gab es eine Treppe mit Geländer. Die rannten wir Kinder rauf und runter, den ganzen Tag, mal laut trampelnd im Zorn, mal leichtfüßig und heiter. Dem Geländer als Geländer schenkte ich nie besondere Beachtung…  Über die Jahre, noch als Kind und auch später, wenn ich als Erwachsene zu Besuch kommen sollte, hatte ich diese Gewohnheit: ich legte die Hand auf das Geländer und berührte die glatte, hölzerne Oberfläche. Ich hielt mich nicht daran fest! Weser beim Hochsteigen, noch beim Runtergehen. Aber ich fuhr mit der Hand über das Geländer immer, wenn ich die Treppe benutzte. Die Ringe an den Fingern, rechts wie links, erzeugten immer dieses Geräusch, ein leichtes Klacken, wenn die Hand ans Geländer kam und dann war es nur noch ein Dahingleiten am Geländer entlang. Mein ganzes Leben habe ich das gemacht. Ohne dem eine Bedeutung beizumessen. Es gehörte einfach zu mir und diesem Geländer.

Bis meine Mutter schwer erkrankte und ich zurückzog in das Haus, um sie zu pflegen. Sie konnte nicht mehr alleine gehen und schon gar nicht die Treppe herauf und herunter. Ich erinnere besonders diesen ersten Versuch, von oben herunter zu gelangen, unter Schmerzen, unter großer Kraftanstrengung von uns beiden, wie wir die Treppe herunter wollten. Auf einmal war dieses Geländer, dieses ewige Geländer, das ich mehr für seine Schönheit geliebt hatte als für seine Kraft, auf einmal brauchten wir beide dieses Geländer. Auf einmal wurde alles daran nicht nur wichtig, sondern auch stimmig: die glatte Oberfläche wurde nun, da wir das ganze Gewicht darauf legen mussten, existentiell. Wäre es rauer gewesen, es hätte wehgetan in der Hand. Es war wichtig, dass es keine Späne gab, die uns verletzt hätten. Die Kurve am unteren Ende, die den Knick überstehen half.

Ich weiß noch wie ich schweißgebadet und verzweifelt über die Situation, mich an diesem Geländer hielt und nicht fassen konnte, wie dankbar ich nun war, dass es das gab.“

(Aus einer Beilage der „Gesellschaft für Freiheitsrechte“ zum Tag des Grundgesetzes am 23.Mai)

 Carolin Emcke beschreibt mit diesem Bild ihr Verhältnis zum Grundgesetz: Das einfach da ist, wie das Geländer, in guten Zeiten fast vergessen. Aber in finsteren Zeiten so nötig, dass man sich mit vollem Gewicht darauf stützen kann.

Auf einmal war dieses Geländer, dieses ewige Geländer, das ich mehr für seine Schönheit geliebt hatte als für seine Kraft, auf einmal brauchten wir beide dieses Geländer.

Ich bin 60 Jahre alt und wie viele von Ihnen aufgewachsen in einem kirchlichen Kontext, mit Kindergottesdienst und Schulgottesdiensten, mit Religionsunterricht in der Schule und Konfirmandenunterricht im Gemeindehaus, mit wöchentlichen Sonntagsgottesdiensten und irgendwann kirchlicher Trauung. In meinem Kopf sind so viel Texte und Lieder, die ich liebe für ihre Schönheit und die dennoch in meinem Alltag oft nicht präsent sind.

In guten Zeiten vergesse ich manchmal, dass es sie gibt.

Aber wenn es schwierig wird, wenn Entscheidungen von uns gefordert werden und Haltung, dann ist es gut sich zu erinnern, an die Klarheit des Evangeliums, an die Kraft der Menschen, die von ihm ergriffen worden sind, an die Kraft, die es immer noch in unserem Leben haben will.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn.

Amen 

Pastorin Susanne Reitze-Jehle
Einrichtungsleitung
„Ev. Altenzentrum Haus am Stadtpark“, Xanten

 

 

Fürbitte

Wenn wir Menschen treffen,

deren Worte und Werke,

deren Blicke und Gesten

durchlässig werden für deine Nähe und Liebe

dann bist du da.

Wenn wir Menschen begegnen, die unsere Blicke und Herzen weiten,

die uns zeigen, was Hingabe ist und Liebe

dann bist du da.

Wenn Menschen um Versöhnung kämpfen, sich nicht zufrieden geben mit Gewalt und Hoffnungslosigkeit,

dann bist du da.

Wenn Menschen unter Krieg und Gewalt leiden,

dann sei du da.

Wenn Menschen ausgegrenzt werden durch Krankheit und Armut,

dann sei du da.

Wenn Menschen der Einsamkeit ihres Lebens und Sterbens nicht mehr entrinnen können,

dann sei du da und warte auf uns,

damit unsere Worte und Werke,

Blicke und Gesten

durchlässig werden für deine Liebe und Nähe.

Und alles, was uns bewegt und bedrängt, in unserem kleinen Leben und im Leben dieser Welt legen wir in die Worte deines Sohnes

Vater Unser