Die Sonntage

4. Sonntag nach Trinitatis, Pfr. Martin Groß

Predigt über Römer 12,17-21

17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. 18 Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« 20 Vielmehr, »wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln« (Sprüche 25,21-22). 21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Wieder mal ne Menge Ermahnung. Gut und Böse schön sortiert. Macht das Gute, lasst das Böse. Na prima! „Moralapostel!“ möchte man Paulus zurufen.

Dabei sagt sich doch so schön: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“, „auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil“ und wie sie noch so alle heißen, die schönen Lebensweisheiten. Sich zu rächen, dem Anderen hinterrücks eins auszuwischen, das ist doch befriedigender, als allen Ärger in sich reinzufressen.

Im Internet wird unter der Anschrift: meinerache.de folgendes Angebot unterbreitet: „Ruiniere Deine Feinde!“ Untertitel: „Wie Du Feinde ausspionierst, mit der passenden Rache Deine Feinde ruinierst & 100-fach genießen kannst“. Ganz locker fängt es an:

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Rache ist süß…

Doch Paulus – zu früheren Zeiten auch einer, der sich rächen wollte, nämlich an den als Spaltern verhassten Christen, mahnt zum Frieden.

Wenn wir genauer lesen, was er an die Gemeinde in Rom so alles schreibt, dann werden die Perspektiven ein wenig verrückt.

Denn die ersten Kapitel des Briefs handeln fast nur davon, was Gott uns Menschen eigentlich alles Gutes getan hat. Und als Schlussfolgerung – wenn das dann so ist, wenn Gott uns eigentlich alles, was wir zum Leben wirklich brauchen, schenkt, dann sollte sich das doch auch auf uns auswirken. Dann kann nicht einfach alles so weitergehen, wie es unter Menschen halt so üblich ist seit Urzeiten.

Macht einen Unterschied mit euerm Leben – seid in dieser Beziehung weltfremd. Ihr seid eingeladen, die Dinge neu zu denken und zu tun. Seid der Welt und ihren Gepflogenheiten fremd – lasst euch auf die Geschenke Gottes ein und lebt versöhnt. Lernt vom Erbarmen Gottes und redet Gutes! Paulus sagt es noch stärker: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde du das Böse mit Gutem. Und ich ergänze: Weil du es kannst, weil Gott es dir schenkt!

Ein anderer Satz des Paulus muss man sich auch langsam auf der Zunge zergehen lassen: „Soviel an euch liegt, haltet mit allen Menschen Frieden.“

Es gibt auch einen faulen und morschen Frieden. Das ist ein Frieden, in dem das Böse nicht überwunden wird mit dem Guten, sondern in dem das Böse böse bleibt. Der Genfer Reformator Johannes Calvin spricht in der Auslegung dieser Bibelstelle davon: Es gebe Menschen, die um des lieben Friedens willen Anderen schmeicheln, und solche, die sich beliebt machen wollen und darum nach der Zustimmung möglichst aller handeln.

Es muss klar sein, dass das mit Frieden schließen nicht gemeint sein darf. Denn so würde ja das Böse nicht mit Gutem überwunden, sondern es könnte sich bequem auf Dauer einnisten. Das Überwinden des Bösen mit Gutem besteht nicht in einer oberflächlichen Nettigkeit zu jedermann, in der man als Spielball von allen Seiten benutzt wird. Es geht vielmehr darum, aktiv Dinge gut zu machen. Dem der uns feindlich gegenübersteht mit Gutem zu überraschen, ihn zu überrumpeln – und das heißt: ich muss genau hinschauen, was dem Gegenüber eigentlich fehlt, warum er denn was von mir will.

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösen!“ Ausnahmslos niemandem! Gewiss, wer euch Böses tun will, ist euer Feind. Und es ist recht, wenn ihr seiner Bosheit widersteht und sie nicht gutheißt. Aber die Frage ist, wie ihr das in rechter Weise tut, ohne dabei selbst von seiner Bosheit angesteckt zu werden. Unser Bibelwort gibt die Antwort: Vergeltet so das Böse und bekämpft und überwindet so euren Feind, dass ihr ihn als Feind „einfach nicht gelten lasst“ (Karl Barth). Gönnt ihm nicht diesen Triumph, dass er euch überwindet mit seiner Bosheit! Besiegt ihn vielmehr, indem ihr ihm Gutes tut.

Paulus fährt in unserem Text fort und sagt: Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): »Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.« Das klingt verwunderlich. Aber machen wir uns zunächst klar: Damit ist uns Menschen ganz und gar und restlos der Job als Racheengel entzogen. Wer nach Rache sucht, bei dem ist kein Platz mehr für Gottes Hilfe.   ­

Treffen sich ein evangelischer Pfarrer und ein Rabbiner. Der Pfarrer fragt den Rabbi: „Glaubt ihr Juden immer noch an den Gott der Rache?“ Der Jude antwortete: „O ja, wir glauben noch immer an ihn. Aber während wir diese Aufgabe ihm überlassen, suchen wir auf der Erde Gutes zu tun – hingegen scheint ihr Christen umgekehrt zu verfahren.“

Das öffnet die Augen für die Erkenntnis: Wir dürfen nicht etwa dieselbe Rache, die wir gern selber täten, von Gott erwarten. Als könnten wir Gott zum gefügigen Helfershelfer für unsere bösen Wünsche machen… So kann es nicht sein! Gott will wohl alles Böse abschaffen – das ist sein Zorn und seine Rache. Aber eben, sein Zorn und seine Rache gehören ganz hinein in den Vollzug seiner vollkommenen Güte und seiner Liebe zu allen Menschen.

Auf den Spuren des Willens Gottes unterwegs sein heißt also auch auf die Worte „Rächt euch nicht!“ zu hören. Positiv heißt das in den Worten der Bibel: „Wenn dein Feind hungert, so speise ihn; wenn er dürstet, so tränke ihn. Denn wenn du dies tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“

Die seltsame Rede von einem Sammeln feuriger Kohlen auf ein Haupt ist vielleicht so zu verstehen: Diesen euren Feind schafft ihr einfach so auf die Seite, dass ihr auch ihn genauso behandelt, wie ihr überhaupt Bedürftige, Kranke, Notleidende zu behandeln habt. Also, bekämpft ihn nicht. Aber versucht auch nicht, ihn zu bekehren oder ihm eine anständige Gesinnung beizubringen. Sondern seht, dass er mit all seiner für euch unerfreulichen oder gefährlichen Haltung jedenfalls ein Mitmensch ist und bleibt: einer, der dran ist wie ein Armer und Bettler, wie ein Hungernder und Dürstender. Gebt ihm, was er braucht! Ohne Überheblichkeit. Speist ihn, tränkt ihn! Gebt ihm das, ohne die Bedingung seiner Besserung zu stellen! Setzt einen neuen Anfang in der Beziehung zu ihm, indem ihr ihn einfach als einen Menschen wie du und ich behandelt. So seid ihr brauchbare Boten und Botinnen des Erbarmens Gottes mit ihnen und uns und mit allen. Gott segne dazu unser Hören, Reden und Tun! Amen.

Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben. Überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.

Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit deines Lichtes Fülle; dass nicht Neid, Angst, Not und Schmerz deine Wahrheit uns verhülle, die auch noch in tiefer Nacht Menschenleben herrlich macht.

Hans von Lehndorff, EG 428

4. Sonntag nach Trinitatis, Pfr. Martin Groß

 

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